Hörbücher und Hörspiele
in einer radikal subjektiven Bewertung

Hermann Hesse: Der Steppenwolf
gesprochen von Manfred Zapatka, Dieter Mann, Anna Thalbach u.a. - 3CDs

Kongeniale Umsetzung eines Meisterwerks. Die Besetzung ist erstklassig, die Untermalung durch Musik und Effekte sparsam aber passend, der Wechsel zwischen Erzähl- und Dialogperspektive belebend, ohne aufdringlich zu wirken. Die Kürzungen der Romanvorlage hinterlassen nicht den Eindruck von Lücken. Jedenfalls konnte ich die meisten für mich bedeutsamen "Schlüsselzitate" in Hessescher Originalform wiederfinden. Alles in allem eine herausragende Bearbeitung eines Kultromans.

Fazit: 

Thomas Mann: Der Zauberberg
gesprochen von Udo Samel, Konstantin Graudus, Felix von Manteuffel u.a. - 10 CDs

Manch Klassiker liegt wie ein Berg vor einem und man wagt sich nicht an das Erklimmen. Wie schön, daß es da Hörspielbearbeitungen wie diese von Valerie Stiegele gibt, die eine Annäherung ermöglichen und doch dem Werk gerecht bleiben. Mit der Stimme von Konstantin Graudus hat sich mir Hans Castorp eingeprägt und so wie einst ihn hat mich der Zauber des Zauberbergs gefangen genommen. Ein grandioses Hörspiel mit ausgezeichneten Schauspielern, eindringlicher Atmosphäre und dezenter aber stimmungsvoller akustischer Untermalung.

Fazit: 

Marcel Proust: Combray
gesprochen von Sylvester Groth, Juliane Köhler u.a. - 3 CDs

Und noch ein Klassiker in einer Hörspielumsetzung, die in den Bann des Werkes schlägt. "Combray" ist die Ouvertüre zu Marcel Prousts großem Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", ein Konglomerat aus Erinnerungen, melancholischen Betrachtungen und einer derart intensiven Empfindsamkeit, die kleinste Erlebnisse mit sinnlichen Eindrücken aufzuladen vermag, daß sie einen tief berühren, ja regelrecht erschauern lassen. Keine verlorene, eine vielfach gewonnene Zeit.

Fazit: 

Sylvia Plath: Die Glasglocke
gelesen von Nina Hoss - 7 CDs

Wie vielleicht Sylvia Plaths ganzes Leben zerfällt ihr einziger und autobiographischer Roman "Die Glasglocke" in zwei Teile: Lebenslust und Verzweiflung, die unbeschwerten Tage einer Zwanzigjährigen zwischen Partys und Männerbekanntschaften im New York der 50er Jahre und die tiefen Depressionen, die sie nach einem Selbstmordversuch schließlich in eine Nervenheilanstalt führen. Nina Hoss gelingt es der gesamten Entwicklung Esther Greenwoods und ihrer Brüchigkeiten Stimme zu geben.

Fazit: 

Marguerite Duras: Der Liebhaber
gelesen von Nina Hoss - 3 CDs

Ein Buch über die Erinnerung und über die Liebe, über den Schmerz der Jugend, ihre Lust und Gier nach dem Leben wie dem Tod und dem frühen Wissen um alle Verzweiflung. Ein autobiographischer Roman der Duras über ihre eigene Herkunft, die Einsamkeit in einer zerstörten Familie, über das Aufwachsen in der fremden Welt der Kolonie von Saigon und über einen Mann: den Liebhaber aus Nordchina. Und nicht zuletzt ein Buch über die Sprache und das Schreiben als einzigem Ausweg, in Worten, die gefangen nehmen, die betören, erneut brilliant vorgetragen von Nina Hoss.

Fazit: 

Juli Zeh: Spieltrieb
gelesen von Sascha Icks - 4 CDs

Brilliant, böse und abgrundtief traurig: was bleibt einem jungen Menschen in einer Welt, die sich keine Mühe mehr gibt, das völlige Fehlen jeder Moral zu kaschieren: nichts als der Spieltrieb. Sascha Icks hetzt durch den Roman, daß man sich anstrengen muß, jedem intelligenten Gedankensprung Juli Zehs zu folgen. Doch es ist genau der angemessene Sprachstil für diese moderne nabokovsche Ada als einer legitimen "Urenkelin der Nihilisten".

Fazit: 

Vladimir Nabokov: Pnin
gelesen von Ulrich Matthes - 6 CDs

Ein Roman, der umheimlich gewinnt durch Ulrich Matthes Vortrag. Gelesen fand ich ihn einen der schwächeren Nabokovs, zäh und unentschieden zwischen Ironie und Mitleid. Erst im Hörbuch fand ich Zugang zu Pnins schwermütig russischer Seele, seiner Trägheit gegenüber dem Leben und gleichzeitigen Begeisterungsfähigkeit für scheinbar Belangloses, seiner naiven Herzensgüte. Pnins trauriger Dialekt im Vortrag Ulrich Matthes, wenn er mal wieder mißverstanden wurde, wird mir nicht mehr aus dem Ohr gehen.

Fazit: 

Max Frisch: Homo Faber
gelesen von Felix von Manteuffel - 7 CDs

Manchmal gelingt es einem Vortragenden, und er wird eins mit dem Buch, das er liest, mit dem Ich-Erzähler, als der er spricht. Felix von Manteuffel trifft genau das Wesen und den Ton Walter Fabers, des schweizer Ingenieurs, in dessen rationales Leben mit einer Kette von ungewöhnlichen Zufällen das Schicksal einbricht. Das Hörbuch wertet den Roman nicht auf, wie im Falle von "Pnin", es gelingt ihm schlicht das hohe Niveau von Frischs Vorgabe zu halten. Und das ist weit mehr als von den meisten Hörbüchern behauptet werden kann.

Fazit: 

Max Frisch: Stiller
gelesen von Ulrich Matthes - 8 CDs

"Ich bin nicht Stiller!" Ein Roman über Identität und die Rollen, die wir spielen oder in denen uns andere sehen wollen. Max Frischs Meisterwerk und ganz nebenbei vielleicht der ehrlichste, offenste und schonungsloseste Bericht über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen und ihrem Scheitern aneinander. Ulrich Matthes etabliert sich erneut als großer Vorträger von Literatur. Lediglich die Tatsache, daß ein solches Kunstwerk nur in einer verstümmelten, sprich gekürzten Fassung veröffentlicht wird, verstimmt.

Fazit: 

Italo Svevo: Kurze sentimentale Reise
gelesen von Gert Heidenreich - 4 CDs

Italo Svevo ist einer der ganz großen Erzähler des vergangenen Jahrhunderts - und leider auch einer der am meisten vergessenen. Die kurze sentimentale Reise ist das von sanfter Ironie durchwobene Kammerspiel einer Zugfahrt Herrn Aghios, eines erstmals ohne seine Ehefrau reisenden älteren Herrns. Es passiert wenig in dem Roman wie auch in Herrn Aghios bisherigem Leben, doch es sind die Selbstreflexionen und die sentimentalen Gedanken des Reisenden, um die es eigentlich geht: ein Mensch, der in seiner Vorfreude bereit ist, die gesamte Welt zu umarmen und doch an ihr wie an seiner eigenen Unfähigkeit scheitert.

Fazit: 

Italo Svevo: Zeno Cosini
gelesen von Wolfgang Reichmann - 15 CDs

"Zeno Cosini" ist das "Opus magnum" Italo Svevos, ein Roman, der beeinflußt durch die Psychoanalyse nicht in der Erzählung des unfähigen Geschäftsmannes und noch unfähigeren Privatmenschen Zeno Cosinis sondern zwischen den Zeilen entsteht, gleichsam im ständigen Widerstreit des Bildes, das uns der eingebildete Kranke und selbsternannte Gutmensch über sich vermitteln möchte mit der darunter hindurch schimmernden Wirklichkeit. Wolfgang Reichmann trifft genau den richtigen Ton von entlarvender, doch stets warmherziger Selbstironie.

Fazit: 

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung
gelesen von Thomas Holtzmann - 7 CDs

Ein Roman aus einem Ohrensessel, aus dem heraus Thomas Bernhard eine künstlerische Abendgesellschaft mit der ihm eigenen Mischung aus Witz, Grantelei, Schmährede und (Selbst-)Ironie beschimpft. Leider geht der Roman in der zweiten Hälfte mit den Monologen des Burgschauspielers auseinander wie ein Germknödel und verliert viel Fahrt und Witz. Dennoch bleibt in dem gelungenen Vortrag von Thomas Holtzmann ein erfrischendes Standgericht über die Wiener Kunstelite und die Ahnung, was in Österreich (und nicht nur dort!) schief läuft, daß solch ein entlarvendes Buch lange Zeit gerichtlich verboten war.

Fazit: 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
gelesen von August Diehl - 5 CDs

Ein Buch, das wie keines vor ihm und nur wenige nach ihm die Unmenschlichkeit und Grausamkeit eines Krieges sichtbar und fühlbar werden läßt durch den schonungslosen Bericht eines einfachen Soldaten. "Es ist die allergrößte Gemeinheit, daß Tiere im Krieg sind", sagt an einer Stelle einer aus der Kompanie, aus der am Ende niemand überleben wird. Und Menschen? Das Testament einer ganzen betrogenen Generation. Und Pflichtlektüre für alle, die es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, nicht jeglichen Kriegsdienst zu verweigern.

Fazit: 

Uwe Timm: Der Freund und der Fremde
gelesen von Uwe Timm - 4 CDs

Er war sein Freund: Benno Ohnesorg, jener Student, der auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin 1967 von einem Polizisten erschossen wurde und damit zur Symbolfigur des Studentenwiderstands avancierte. Uwe Timm konnte lange nicht über den Freund schreiben, bis er begriff, daß er gleichzeitig über sich selbst schreiben muß. Und so verschmelzen die Biographien der beiden jungen Männer aus einfachen Verhältnissen, ihre Träume von Bildung und Entwicklung und vor allem ihr einer großer gemeinsamer Wunsch: zu schreiben. Eine sensible Annäherung, ein anrührendes Portrait, ein Denkmal.

Fazit: 

Michael Frayn: Kopenhagen
gesprochen von Peter Striebeck, Peter Schröder, Maria Hartmann - 2 CDs

Kaum ein Theaterstück eignet sich so gut für eine Hörspieladaption wie Michael Frayns "Kopenhagen". In den Dialogen der Atomphysiker Werner Heisenberg, Niels Bohr sowie dessen Frau Margarete, die sich um Heisenbergs mysteriösen Besuch im besetzen Kopenhagen ranken, werden die großen Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaft ebenso gestellt wie nach den ganz persönlichen Motiven einer zerbrochenen Freundschaft. Doch am Ende bleibt wie in Heisenbergs Unschärferelation ein "letzter Kern von Unbestimmtheit im Herzen der Dinge".

Fazit: 

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
gelesen von Ulrich Matthes - 5 CDs

Um das Treffen zweier großer Köpfe, des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturkundlers Alexander von Humboldt rankt sich Kehlmanns Roman, in dem die historischen Fakten in einem ironischen Reigen durcheinander purzeln. Nicht um biographische Genauigkeit ist es ihm zu tun, sondern um allgemeine Fragen nach dem Genie in einer "zweitklassigen Welt" oder der Vergängnis von Geistesgröße und Forscherruhm. Daß der Roman dabei stets leicht und humorvoll bleibt und bei aller Zurschaustellung der Schwächen seiner Protagonisten nie das Mitgefühl verliert, ist seine große Stärke.

Fazit: 

Wilhelm Genazino: Die Liebesblödigkeit
gelesen von Wilhelm Genazino - 5 CDs

Ein alternder Apokalyptiker zwischen zwei Frauen ist dieses Mal der Aufhänger für Genazinos Umherschweifen in der Welt, seine Alltagsreflexionen, seine flanierenden Betrachtungen von Menschen und Dingen. Vielleicht etwas weniger Beobachtungspoesie als in früheren Werken, dafür lockerer, unbeschwerter und mit einer für Genazino ungewohnt ausgeprägten Rahmenhandlung versehen, die seinem Roman eine für ein Hörbuch angenehme Dynamik verleiht.

Fazit: 

Tim Krabbé: Drei auf dem Eis
gelesen von Joachim Król - 1 CD

Eine kleine Geshichte Tim Krabbés über das Glück in seiner doppelten Bedeutung, über die Liebe und den Zufall und über einen Mann, seine geschiedene Frau und ihren gemeinsamen Sohn auf dem Eis, ausgerechnet an einem ganz besonderen Tag... Was Krabbé dabei auszeichnet ist seine einzigartige Verknüpfung von zarten Bildern voll wehmütiger Sehnsucht und dem trotzdem immer wachen Verstand eines Schachspielers. Einzigartig in einer Zeit, in der die "emotionale Intelligenz" auch zwischen den Buchdeckeln so oft jeden Rest von Geist vertreibt.

Fazit: 

Arno Schmidt: Kaff auch Mare Crisium
gelesen von Jan Philipp Reemtsma - 10 CDs

Schmidt mit einem Sujet ist ein brillianter Erzähler. Ohne adäquaten Stoff versumpft er in einem Kaff zwischen Hertha und Heete. Die Mondgeschichte wirkt heute so veraltet wie Hans Dominik, das Werben des Erzählers um seine frigide Geliebte in der Rahmenhandlung ermüdet ebenso wie die Verklärung der bäurischen Tante. Reemtsmas Vortrag führt sicher durch die eigenwillige Orthographie, doch vielleicht nimmt er dem Roman so seine letzte Außergewöhnlichkeit und wirft ihn auf den trotz aller Wortakrobatie allzu schmalbrüstigen Inhalt zurück.

Fazit: 

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Remix
gelesen von Manfred Zapatka, Ulrich Matthes u.a. - 20 CDs

Ein Werk, das mich ratlos läßt: zusammengefügt aus tausenden schillernden Mosaiksteinen scheitert es doch im Ganzen, wirkt wie eine Parodie auf die parodierte Parallelaktion: voll Drang zum Höheren, ohne im geringsten benennen zu können, was und wo das wäre, auf der Stelle tretend, weil der Autor vor der Konsequenz seiner eigenen Handlungsstränge zurückscheut. Auch der "Remix" verliert sich zu oft in der Beliebigkeit von Metatexten, Aufzählungen und verstiegenen Über-Interpretationen (ich sage nur: Frau Jelinek!). Und doch blebt im Fragment viel Gelungenes und Hörenswertes. Ein literarisches Monument, wenn auch für mich kein Meisterwerk.

Fazit: 

Haruki Murakami: Kafka am Strand
gelesen von Rufus Beck - 17 CDs

Und wenn einem aus diesem langen und oft auch langatmigen (trotz des gewohnt guten Vortrag Rufus Becks) Roman nur das eine oder andere in Erinnerung bleibt, haben sich die 17 CDs schon mehr als gelohnt. Bei mir ist es Herr Nakata, der geistig Zurückgebliebenen mit halbem Schatten, der aber auf einzigartige Weise mit den Straßenkatzen reden kann, den ich nie vergessen werde. Bei anderen werden es ganz andere Details sein in diesem reichen, träumerischen Entwicklungsroman eines 15jährigen.

Fazit: 

John Irving: Garp und wie er die Welt sah
gelesen von Rufus Beck - 19 CDs

John Irving ist ein Erzähler. Er erzählt und erzählt, bis sich der geduldigste Leser fragt, wozu eigentlich? Auch Garp ist ein Erzähler und in seiner Weltsicht wie in Irvings Roman dienen persönliche Schicksale zu nichts anderem als zu ironisierten Versatzstücken einer erzählerischen Groteske. So ist der Roman bei aller Unterhaltsamkeit letztlich so oberflächlich und beliebig, so selbstgerecht und unverbindlich wie das aufgesetzte Lächeln einer Kellnerin einer amerikanischen Fast-Food-Kette.

Fazit: 

Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit
gelesen von Sten Nadolny - 10 CDs

John Franklin war schon als Kind so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Den Lebensweg dieses besonderen Menschen, der zum Kapitän und Forscher wird und dabei seiner wie der heutigen geschwindigkeitsberauschten Zeit den Spiegel der Langsamkeit vorhält, beschreibt Nadolny in seinem Roman, der wie Balsam für die Seele ist, und dabei doch nie populistisch simplifizierend sondern von einer wohltuenden, sich Zeit nehmenden Genauigkeit. Bemerkenswert, wie gut Nadolny sich im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auch als eigener Vorleser eignet.

Fazit: 

Paul Klee: Die Entdeckung der Farbe
gesprochen von Anna Thalbach, Johannes Rotter, Jochen Malmsheimer - 1 CD

Es ist eine Sternstunde der Malerei, die zweiwöchige Tunesienreise, die die drei Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet gemeinsam unternehmen, auf der Suche nach einer neuen Malerei, auf der Suche nach der Farbe. Für Klee, auf dessen Tagebüchern das Hörspiel basiert, war diese Reise seine Selbstfindung als Maler, für Macke der künstlerische Höhepunkt kurz bevor er im 1. Weltkrieg fiel. In Gesprächen, Musik, Geräuschen und mit Hilfe der beigefügten Karte wird diese Reise im Hörer lebendig und lädt zum Mitreisen und Träumen ein.

Fazit: 

Patrick Süskind: Das Parfum
gelesen von Gert Westphal - 8 CDs

Hinter dem betörenden Vortrag von Gert Westphal verbirgt sich eine allzu wohfeile Mischung aus Süßlichkeit und Greuel, die nicht hinter die Dinge blicken will, sondern sich nur zu gerne an deren Beschreibung und Aufzählung, am selbstverliebten Wortgeklingel berauscht. Ein leichtes, schales, flüchtiges Parfum zur oberflächlichen Anwendung, nicht zum sättigenden Verzehr.

Fazit: 

Miguel de Cervantes: Don Quijote de la Mancha
gelesen von Hans Paetsch - 8 CDs

Wenn es einen Vorleserpreis gäbe, so hätte ihn gewiß Hans Paetsch verdient mit seinem lustvollen Vortrag dieses Klassikers. Der Roman selbst atmet inzwischen doch einigen Staub, auch wenn durch den altertümlichen Zeikolorit und die derben Possen immer wieder die einzigartige Figur Don Quichottes hindurchschimmert in ihrem Beharren in einer vergangenen Welt und einem nicht mehr zeitgemäßen aber dafür umso rührenderen Ethos.

Fazit: 

Max Aub: Das magische Labyrinth
6 Hörspiele - 6 CDs

Es ist ein großes Welttheater, das Max Aub in seinem Romanzyklus "Das magische Labyrinth" vor uns ausbreitet, eines Werkes von großer sprachlicher Kraft, das den spanischen Bürgerkrieg aus allen Facetten vor unsere Augen führt, die militärischen und politischen Ereignisse von 1936 bis 1939 ebenso wie zahllose berührende Einzelschicksale von Idealen und deren letztlichem Scheitern an der Wirklichkeit und an sich selbst. Die Hörspielumsetzungen sind in ihrer Konzentration äußerst gelungen, lediglich die dritte Folge, eine allzu wirre Philosophie eines Sterbenden, kostet den zweiten Daumen.

Fazit: 

Rafael Chirbes: Die schöne Schrift
gelesen von Kornelia Boje - 2 CDs

Ana ist eine einfache Frau aus der spanischen Provinz. Doch wenn sie über ihr Leben erzählt, ist es die Geschichte einer Generation und die eines Landes, Spaniens, seines Bürgerkriegs - und wie unter der Glasglocke der Franco-Herrschaft die persönlichen Träume Einzelner ersticken. Kornelia Boje gelingt es, dieser Frau eine Stimme zu leihen, unprätentiös doch ergreifend. Rafael Chirbes Roman ist von tiefer, alles durchdringender Traurigkeit und doch gleichzeitig voll magischer Momente, schlichter sprachlicher Schönheit und eines großen, tief humanistischen Mitleids.

Fazit: 

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon
gelesen von Walter Kreye - 6 CDs

Wer sich für die Geschichte eines in Lissabon Gestrandeten, der auf der Suche nach einem anderen zu sich selbst findet, interessiert, soll sich Wim Wenders "Lisbon Story" ansehen. Der thematisch verwandte Film ist zwar auch "langweilig" wie Merciers trockener Roman, aber dabei von einer sinnlich-poetischen Schönheit, eingebettet in stimmungsvolle Bilder und die faszinierende Musik von Madredeus, die Merciers erhaben verklärender Tonfall (noch verstärkt durch Walter Kreyes gewichtiges Flüstern) nie erreicht. Für Sinn(spruch)suchende. Nicht für mich.

Fazit: 

Anita Shreve: Das Gewicht des Wassers
gelesen von Franziska Pigulla - 6 CDs

Dröge, bieder und knochentrocken erzählt Anita Shreve von dem Leben einer norwegischen Fischerin in ihrer Emigration an der Küste Neuenglands. Eingebettet in eine durchaus interessante Rahmenhandlung einer Vierecksgeschichte auf einem Segeltörn und vor dem Hintergrund eines unaufgeklärten Verbrechens. Leider wirkt das Ganze wie Zutaten aus einem amerikanischen Creative-Wrtiting-Seminar für Bestseller, die nicht aufgehen. Auch Franziska Pigulla mit ihrer markanten Thriller-Stimme ist in diesem dümpelnden Fischerboot eine glatte Fehlbesetzung.

Fazit: 

Pablos De Santis: Die Übersetzung
gesprochen von Sylvester Groth, Corinna Harfouch u.a. - 1 CD

Ein kleiner Fischerort am Ende der Welt, ein Mann, der nacheinander seine verlorene Liebe und seinen alten Rivalen wiedertrifft, düstere Vorahnungen in Form toter Seehunde am Strand, das sind die Bestandteile einer von beständiger Melancholie überzogenen Reise eines Übersetzers in die Abgründe der Sprache, die auch oder gerade weil nicht alle Fragen beantwortet werden, in einem nachhallt. Nicht zuletzt die musikalische Untermalung verschafft diesem Hörspiel seine stimmungsvolle Wirkung.

Fazit: 

Jean-Christophe Grangé: Die purpurnen Flüsse
gelesen von Joachim Kerzel - 6 CDs

Zwei Bullen mit ganz eigenen direkten bis brutalen Methoden ermitteln an zwei unterschiedlichen Fällen, die sich schließlich zu einem verschmelzen, ein Fall, der für beide zum Schicksal wird. Granges rasches Tempo, Kerzels markige Stiimme (Synchronsprecher von Jack Nicholson und Dustin Hoffmann) und die den Lübbe-Produktionen eigene Musikuntermalung, die hier als leitmotivische Erkennung der beiden Hauptpersonen dient, ergeben zusammen einen packenden und ungewöhnlichen Thriller.

Fazit: 

Jean-Claude Izzo: Die Marseille-Trilogie
gesprochen von Hans-Peter Hallwachs u.a. - 3 Hörspiele (1 auf CD)

Drei Hörspiele - drei Hymnen an Marseille aus der Sicht von Fabio Montale, eines Bullen aus den Vorstädten. Herausragend die musikalische Untermalung von "Total Cheops" zwischen Flamenco, Blues und Rap. Als politisch aktueller Krimi am pointiertesten ist "Chourmo" um Front Nationale und islamische Fanatiker. Doch mein persönlicher Favorit ist "Solea", der triste und desillusionierte Abgesang der Saga. Ebenso empfehlenswert wie die Hörspiele sind die von Dietmar Mues gelesenen Hörbuch-Versionen.

Fazit: 

Jacques Berndorf: Eifel-Blues
gelesen von Dietmar Bär und Günter Lamprecht - 3 CDs

Und wo bleibt der Blues? Wenn ein Autor seine Hauptfigur Siggi Baumeister nennt, dann will ich eigentlich schon davonrennen. Doch die bodenständigen Eifel-Krimis entwickeln sich langsam. Einem Vergleich mit Izzos Marseille-Trilogie halten sie nicht stand. Aber wir sind eben in der Provinz. Beim bluesigeren Nachfolger "Eifel-Liebe" bekommt der Daumen sogar leichte Zuckungen nach oben...

Fazit: 

Klaus Wanninger: Schwaben-Rache
gelesen von Peter Tabatt - 5 CDs + 1 mp3-CD

Und noch ein Provinzkrimi, dieses Mal aus Schwaben. Vielleicht ist es ein Vorteil, daß die Hauptfigur selbst ein "Reingeschmeckter" ist. So verliert sich der Krimi nicht in muffiger Provinztümelei sondern blickt kritisch auf den Ländle-Sumpf mit seinen Seilschaften zwischen Landespolitik und Wirtschaftsbonzen. Das plakative Schwarz-Weiß-Schema des Autors mag manchem auf den Schlips treten, doch es bezieht immerhin Position. Peter Tabatt liest ordentlich, aber einen Sprecher zu verpflichten, der des Schwäbischen mächtig ist, wäre nicht völlig von der Hand zu weisen gewesen... Dennoch: erfrischend und direkt.

Fazit: 

Bernhard Schlink und Walter Popp: Selbs Justiz
gelesen von Hans Korte - 7 CDs

Gerhard Selb, einst Nazistaatsanwalt, arbeitet heute als Privatdetektiv. Ein Auftrag seines Freundes und Vorstandes der "Rheinischen Chemiewerke" führt ihn in seine Vergangenheit und stellt die Frage nach Schuld und Gerechtigkeit. Was Schlinks Trilogie um Selb auszeichnet sind die pointierten und hochintelligenten Spitzen über Gesellschaft und Politik, die den Roman weit aus der "gewöhnlichen Krimikost" erheben und trotz mancher Behäbigkeit zum treffend gelesenen Hörgenuß machen.

Fazit: 

Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
gesprochen von Franziskus Abgottspon, Franz Mattner u.a. - 4 CDs

Ein Kriminalroman des Altmeisters, der beweist, daß das Genre nicht enden muß, wo die großen Fragen nach dem Lauf der Welt gestellt werden, sondern eigentlich erst dort beginnt, daß Spannung nicht aus der Abfolge von banalen Aktivitäten zu entstehen hat, sondern aus dem Aufeinanderprallen von Philosophien und Wahrheiten. Eine Fortsetzung, die ihren Vorgänger "Der Richter und sein Henker" noch übertrifft. Brilliant auch die szenische Lesung, in der man in Mattners getragener Interpretation des Kommissär Bärlachs den alten Dürrenmatt selbst zu vernehmen meint.

Fazit: 

Garry Disher: Der Drachenmann
gelesen von Norbert Langer - 8 CDs

"Manchmal fühlte es sich so an, als streifte er durch das Dach des Himmels, als ritte er hoch durch die Nacht, die Sterne dicht über sich, mutterseelenallein." Fasziniert malte ich mir einen drachenfliegenden Komissar aus, der einsam zwischem Himmel und Erde über seine Fälle nachdenkt. Klarer Fall von falsch gedacht. Die Anfangsworte entstammen nicht dem Komissar sondern dem Täter. Ihr Anflug von Poesie findet in der trockenen Sprache des restlichen Romans keinerlei Widerhall. Und der Komissar ist bloß ein Garagenbastler und hebt kein einziges Mal ab. Wie auch der ganze Roman nicht.

Fazit: 

Håkan Nesser: Sein letzter Fall
gelesen von Dietmar Bär - 6 CDs

Nur einen Fall vermochte Hauptkomissar Van Veeteren in seinem Polizeidienst nicht zu klären. Und dieser Jahre zurückliegende Mord holt den Ruheständler jetzt wieder ein. Er wird zu einer Reise Van Veeterens in die Vergangenheit, auch in seine eigene Vergangenheit und einen Mitschüler mit dem schlichten Spitznamen "G". Vielleicht Nessers bester Krimi, in jedem Fall ein würdiger Abschluß der Van Veeteren-Reihe.

Fazit: 

Henning Mankell: Mittsommermord
gesprochen von Ulrich Pleitgen, Anne Weber u.a. - 2 CDs

Vielleicht das beste Mankell-Hörspiel, was vor allem daran liegt, daß Ulrich Pleitgen einen kantigeren Wallander gibt als Heinz Kloss. Dafür muß man hier die eingängige Musik des Duos Bertling/Hagitte missen, die bei deren Produktionen das eigentliche Highlight ist. Doch letztlich haben mir alle Wallander-Romane von Mankell immer einen zu starken Zug von Melancholie hin zu Drögheit, was auch an dem bieder-braven und so kleinbürgerlich-humorlosen Wesen des Kommissars liegt.

Fazit: 

Georges Simenon: Die Maigret-Box
gesprochen von Paul Dahlke, Traute Rose, Wilhelm Borchert u.a. - 5 CDs

Maigret? Wieso Maigret? Ebenso gut könnten diese Hörspiele aus der Frühzeit des Radios von Paul Temple oder Cox handeln. Kein Pariser Flair durchweht sie sondern das biedere Deutschland der 50er, in dem die Dialogstimmen (vor allem der Frauen) vor Sauberkeit regelrecht quietschen zu scheinen. Lediglich "Maigret und die schrecklichen Kinder" ist von anderer Machart. Dort vermag ein Erzähler durch wenige einleitende Sätze aus der Feder Simenons den Zuhörer auf eine Reise ins Dorf Saint-André-sur-Mer mitzunehmen und rettet so der Sammlung gerade noch den Querdaumen.

Fazit: 

Georges Simenon: Die Maigret-Box
gesprochen von Christian Berkel, Friedhelm Ptok u.a. - 8 CDs

Ketzerisch könnte man sagen: das beste an dieser Maigret-Hörspielreihe sind die ersten 10 Sekunden. Doch tatsächlich stimmt einen bereits die Titelansage auf den besonderen Flair Maigrets ein. Die Hörspiele sind eher karg produziert, was die lakonischen Erzählweise Simenons noch unterstützt. Die Kürzungen rauben leider manchmal die Verständlichkeit der Handlungsstricke. Doch die simenonsche Atmosphäre bleibt bestens erhalten. Und auf die kommt es ja letztlich an.

Fazit: 

Georges Simenon: Maigret bei den Flamen
gelesen von Edgar M. Böhlke - 3 Cassetten

So gut ein Hörspiel um den französischen Komissar Maigret auch sein mag - ein gelesener Simenon ist ein gelesener Simenon. Und das beweist auch Edgar M. Böhlkes Vortrag dieses (leider nicht auf CD neu aufgelegten) Romans, in dem im Schicksal einer flämischen Familie und dem Argwohn, der ihr in einer walonischen Grenzstadt entgegenschlägt, das Dilemma Simenons zweigeteilter Heimat Belgiens fühlbar wird. Am Ende beweist Maigret mal wieder seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden und entscheidet, daß das Leben oft ein härterer Richter ist als jede Justiz.

Fazit: 

Georges Simenon: Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes
gelesen von Friedhelm Ptok - 4 CDs

Endlich hat der Diogenes-Verlag ein Einsehen und produziert neue Lesungen ihres Krimi-Altmeisters, von dem man bislang nur alte Hörkassetten ergattern konnte. Ob man den sonoren Vortrag Gert Heidenreichs vorzieht oder den rauheren, emotionaleren Friedhelm Ptok (wie ich) ist dabei Geschmackssache, bleibt doch in ungekürzter Lesung jeder Simenon ein Krimi- und Literatur-Genuß. Der Kampf um den Kopf eines Mannes ist ein pychologisches Schachspiel und zeigt mal wieder einen Maigret, der sich in typisch eigensinniger Knurrigkeit über jede Regel der Polizeiarbeit hinwegsetzt.

Fazit: 

Georges Simenon: Die Verlobung des Monsieur Hire
gelesen von Hans-Peter Bögel - 3 Cassetten

Ein leises Buch - leise selbst für einen Simenon. Und gleichzeitig ein distanziertes Buch - distanziert selbst für einen Simenon. Und doch berührt die Novelle (Kriminalroman mag man zu diesem zurückgezogenen Kammerspiel ohne Suspense und Tätersuche nicht sagen) um den einsamen, eines Mordes bezichtigten Monsieur namens Hire in ganz besonderer Weise. Was uns hier vorgeführt wird ist das Schicksal eines Einzelnen in der ihn wie einen Fremdkörper ausstoßenden Umwelt, eine Tragödie mit den Mitteln eines Kammerspiels, leise, von Hans-Peter Bögel in bester simenonscher Nüchternheit gelesen und genau dadurch umso eindringlicher.

Fazit: 

Boris Akunin: Fandorin
gelesen von Johannes Steck - 6 CDs

Selten bin ich so oft während eines Hörbuchs eingenickt wie bei diesem historischen Krimi aus dem zaristischen Rußland. Als wenn man mit Zahnweh in Zuckerwatte beißt, so fühlten sich für mich die schwülstig-geschwätzigen Dialoge an, die wieder und wieder bereits Erlebtes widerkäuen. Johannes Steck verleiht den Figuren albern läppische Dialekte, und die begleitende Musik mit ihrer billigen Instrumentierung tut ein übriges zu einer zäh-klebrigen Atmosphäre, der man am besten durch den Aus-Knopf entflieht.

Fazit: 

Donna Leon: Venezianisches Finale
gelesen von Philipp Schepmann - 8 CDs

Die klischeehafte Sicht einer Amerikanerin auf italienische Lebensart. Das bedeutet triefende Verlogenheit und unantastbare Selbstgerechtigkeit. Die Person Brunettis samt seiner Familie sind Abziehbilder reinsten Kitsches, nie bezieht er oder die Autorin wirkliche Positionen, auf die man sie festnageln könnte, doch wenn andere Personen in die Pfanne gehauen werden, wird nicht das abgeschmackteste Vorurteil ausgelassen. Allein die Tatsache, daß Donna Leon ihre Romane nicht in Italien veröffentlicht, beweist ihre zeitgeistig populistische Unredlichkeit.

Fazit: 

Andreas Eschbach: Der Nobelpreis
gelesen von Stephan Benson - 6 CDs

Eine interessante Thematik: läßt sich ein Nobelpreis kaufen? Und wie hoch ist der Preis eines Wissenschaftlers im Auswahlkomitee? Doch Eschbach bleibt seiner eigenen Geschichte nicht treu. Nach einem Drittel gibt es einen abrupten Wechsel der handelnden Person hin zu einem klischeehaften Action-Heroen (um sich damit Hollywood als Drenbuchautor anzudienen?). Der Tiefe des Romans tut dieser Wechsel nicht gut. So bleibt am Ende ein doppelter Betrug am Leser: die überraschende (wenn auch formal interessante) Schlußwendung aber vor allem der Verrat an der eigentlichen Thematik.

Fazit: 

Dan Brown: Illuminati
gelesen von Wolfgang Pampel - 6 CDs

Gegen Ende immer absurder werdende Handlung um eine Verschwörung im Vatikan. Doch Wolfgang Pampel macht durch seinen spannungsgeladenen Vortrag vieles wett. Seine Synchronstimme von Harrison Ford wie die treibende Musik läßt einen im (zugegeben Popcorn)-Hörkino versinken. Persönlich gefallen hat mir auch, daß die so zeitgeistige Rollenverteilung guter Kleriker vs. böser Wissenschaftler am Ende aufgebrochen wird.

Fazit: 

Thomas Gifford: Assassini
gelesen von Ulrich Pleitgen - 7 CDs

Und noch ein Kirchenthriller! Nicht ganz so spannend und atmosphärisch wie Dan Browns Bestseller, dafür punktet Giffords Verschwörungsthriller um eine von Rom gesteuerte Attentäterorganisation mit glaubwürdigerer Handlung und vielschichtigeren Charakteren. Insgesamt für mich knapp der zweite Platz hinter Browns "Illuminati". Doch Ulrich Pleitgen zieht alle schauspielerischen Register in seinem emotional engagierten Vortrag.

Fazit: 

Thomas Harris: Das Schweigen der Lämmer
gelesen von Hansi Jochmann - 3 CDs

Vor allem Hansi Jochmanns Stimme ist es, die der Lesung der Vorlage zum Kinothriller um eine junge FBI-Agentin, einen Serienkiller und den genial-wahnsinnigen Psychologen Hannibal Lecter eine ganz besondere Authentizität verleiht, denn sie leiht auch in der deutschen Synchronisation Jodie Foster ihre markante Stimme. Die massiven Kürzungen des Romans sind nicht zu dessen Schaden, fällt ihnen doch manch zu obskure Psycho-Pathologie Harris zum Opfer. So bleibt ein kurzes, aber packendes und atmosphärisch dichtes Hörbuch.

Fazit: 

Stephen King: The Green Mile
gelesen von David Nathan - 12 CDs

"Die grüne Meile" - so wird der letzte Gang genannt, den die Todeskandidaten auf dem Weg zum elektrischen Stuhl zurückzulegen haben. Ein atmosphärisch gelesenes und passend musikalisch untermaltes Hörbuch um den Aufseher eines Todeszellentrakts und einen schwarzen hünenhaften Heiler auf der anderen Seite der Gitter. Dennoch überzeugt Kings Vorlage nicht vollständig, die Kritik an der Todesstrafe bleibt für einen aufgeklärten Europäer im Ansatz stecken, die Handlung verliert sich zusehends im Metaphysischen.

Fazit: 

Stephen King: Das Mädchen
gelesen von Franziska Pigulla und Joachim Kerzel - 7 CDs

Ein Mädchen verläuft sich im Wald und findet nicht mehr heraus. So banal kann der Stoff sein, aus dem die Schrecken des Alltags gemacht sind. Wohltuend unblutig und mit erträglich gemäßigt übersinnlichem Einschlag erzählt Stephen King hier eine ganz andere Geschichte als man von ihm gemeinhin erwartet. Franziska Pigulla und Joachim Kerzel, die im Wechsel die Kapitel lesen, verleihen dem verzweifelten Irrweg des Mädchens durch ihre markanten Stimmen zusätzliche Atmosphäre und Dichte.

Fazit: 

Gustav Meyrink: Der Golem
gelesen von Wolf Euba - 8 CDs

Ein Klassiker des Schauerromans zwischen Kafka und Kabbala, zwischen Wirklichkeit und Traum, der die Atmosphäre im jüdischen Prager Ghetto wieder aufleben läßt. Wolf Eubas markante und stimmige Lesung gibt dieser Atmosphäre noch eine weitere Dimension, den Klang, der den Hörer mitnimmt auf eine mystische Reise auf den Spuren des Golems, einer alten jüdischen Sagengestalt, die doch nur zum Spiegel wird für Ängste, Träume und eine ewige Liebe.

Fazit: 

Gustav Meyrink: Der Golem
gesprochen von Paul Hoffmann, Helen Hesse, Peter Ahrens - 2 CDs

Ein echtes Ärgernis ist diese Hörspielversion des bayrischen Rundfunks von 1954. Der vielschichtige, komplexe und letztlich auch nicht immer auflösbare Roman von Meyrink wird zurechtgestutzt wie ein Weihnachtsbaum, passend für den braven, biederen Geschmack der 50er Jahre. Die brodelnde Schwüle des Ghettos wird bereinigt, die unterschwellige Erotik entfernt, jegliche Zeitkritik an den herrschenden Verhältnissen (etwa die ausschweifenden Orgien der Machthaber im "Loisitschek") ist auch im Nachkriegsdeutschland wieder unbequem und wird zensiert. Eine Romanfälschung ersten Ranges!

Fazit: 

K.H. Scheer, Clark Darlton u.a.: Perry Rhodan - Die dritte Macht
gelesen von Josef Tratnik - 12 CDs

Welche Bewertung verdient die Hörbuchumsetzung einer Heftchenromanserie? Ganz klar in diesem Fall: Daumen nach oben! Auch beim Wiederentdecken der von Josef Tratnik engagiert gelesenen Silberbände fasziniert die gewaltige Größe des Projekts "Zukunft". Zwar herrscht in den Anfangsbänden noch eine Space Cowboy Mentalität vor den späteren kosmologischen Gedankenexperimenten vor und sind naturgemäß die handwerklichen Mängel der schnell geschriebenen Hefte zahllos, doch besser als manch US-importierter Bestsellerkram ist die deutsche Science-Fiction-Opera allemal.

Fazit: 

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe
gesprochen von Ernst Schröder, Manfred Steffen, M. Haase u.a. - 10 CDs

So hat es Peter Jackson zum Glück in seinen Filmumsetzungen nicht gemacht: der Herr der Ringe verkommt zu Namensgeklingel und Nummernrevue. Die Nebencharaktere, die geographischen Orte, sie alle werden erwähnt, doch nichts wird vertieft. Schließlich gilt es sogleich der nächsten Windung der Handlung zu folgen. Doch auch die wird lediglich erzählt, nur viel zu selten erfühlt. Letztlich bleibt ein Hörspiel in der bekannten Jugendbuchmachart: Dialoge, gepresste Handlung und etwas laienhafte Hintergrundgeräusche und Musik statt Verweilen in Tolkiens Sprache und der Atmosphäre seiner Welt.

Fazit: 

Ken Follett: Die Säulen der Erde
gelesen von Joachim Kerzel - 12 CDs

Wie schafft es dieses Buch nur in die Top 3 Deutschlands liebster Bücher (laut ZDF-Umfrage "Unsere Besten")? Banales Gut-und-Böse-Schema gepaart mit einer Sprache, die selbst in ihren Allerweltsfloskeln immer haarscharf danebenliegt. Ist das bloß eine schwache Übersetzung oder kalkulierte Anbiederung ans Massenpublikum? Die allzu simpel gestrickte Geschichte um "Tom den Baumeister" kann auch Joachim Kerzels teils zu kathedraler Vortrag nicht retten.

Fazit: 

Marion Zimmer-Bradley: Die Nebel von Avalon
gelesen von Anna und Katharina Thalbach - 12 CDs

Das Mittelalter aus weiblicher Sicht, das heißt in diesem Roman reduziert auf esoterischen Hexenkult, Liebschaften und Intrigen in der Nachkommenschaft. Trotz der großartigen Mutter und Tochter Thalbach und stimmiger Musik habe ich mich nach der 4. CD gefragt, ob ich in meinem Leben etwas verpaßt hätte, wenn ich jetzt nicht mehr weiterhöre. Ergebnis: leider nein.

Fazit: 

Joanne K. Rowling: Harry Potter und die Kammer des Schreckens
gelesen von Rufus Beck - 10 CDs

Der Erfolg Harry Potters läßt sich sicher eher durch Massenpsychose erklären als durch den Inhalt der Bücher. Bei nüchterner Betrachtung entpuppen sich diese als kurzweilig und angenehm unpädagogisch, überwiegend "auf der richtigen Seite des Lebens" stehend wie etwa Lindgrens Klassiker. Was die Hörbücher über den Querdaumen hinaus zu zauberhafter Unterhaltung auch für erwachsene Kindsköpfe macht, ist der brilliante Vortrag Rufus Becks mit der komödienreifen Interpretation Gilderoy Lockharts als Highlight des zweiten Bandes.

Fazit: 

Walter Moers: Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär
gelesen von Dirk Bach - 15 CDs

Ich gebe zu, am Anfang hat sie auch mich gefangen genommen, die aberwitzige Reise des kleinen Blaubären. Doch irgendwann ermüdet das ständige Stilmittel der beliebigen Reihung, Jeder nicht völlig phantasielose Klotz könnte "Nachtillionen" weiterer Episoden und absurder Figuren hinzufügen. Oder es genauso gut bleiben lassen. Denn wozu, wenn aus nichts etwas folgt, wenn alles auf einer spaßigen Oberfläche surft ohne jemals Tiefe, Entwicklung oder auch nur irgendeinen Zusammenhang zu entfalten?

Fazit: 

Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht
gelesen von Jan Weiler - 4 CDs

Bei den bemühten Klischee-Plattitüden über einen italienischen Schwiegervater und dessen Sippe bekam ich eine regelrechte Maulsperre, so verzog sich mir jede Regung zum Lächeln aus dem Gesicht. Banal, platt, beliebig, selten ein so unkomisches Buch gehört. Schon nach der ersten CD mußte ich aufgeben, um bei wirklich italienischer Komik eines Italo Svevos wieder das Lachen zu lernen. Wenn das die Chefredakteure dieser Zeit sind, erübrigt sich jeder weitere Kommentar zum Zustand unserer Geisteswelt.

Fazit: 

zurück