Kommentare zum Leben inner- und außerhalb des Netzes

zu Wissenschaft und Ethik

Die Bombe oder was man im Internet so sucht...

Ein Kommentar zu einer meiner eigenen Seiten? Ist sie nicht ein ganz klein wenig zu unbedeutend dafür? Sicher, doch es geht ja auch nicht um den Inhalt der Seite, vor allem nicht bei den Menschen, die sie aufsuchen...

Merkwürdiges tut sich schon seit einigen Monaten in der Statistik meiner Homepage. Nicht nur, daß das Volumen des Datenverkehrs immer weiter zunimmt (was man ja geschmeichelt noch als wachsende Beliebtheit der Seite interpretiert), auch die auf meine Seite gesetzten Links wachsen Monat für Monat. Sicher, auf Verweise von 3sat, arte, Spiegel, des Deutschlandfunks oder Goethe-Instituts ist man ja schon ein klein wenig stolz - oder warum würde man sie hier aufzählen, wenn sie eigentlich nichts zur Sache tun... Doch über diese Links kommen höchstens eine Handvoll Besucher auf meine Seite. Angeführt wird die Hitliste zumeist von ominösen Foren von Conuterstrike-Clans oder einer Seite "Operation Weltherrschaft". Hat man dort etwa seine Vorliebe für Jacques Brel, Edvard Munch oder gar Wolfgang Borchert entdeckt? Nein, heute habe ich zum ersten Mal entdeckt, welch einer Inhalt unter all meinen umfangreichen Seiten die meisten "Verlinker" wirklich interessiert: das Bild einer Atombombenexplosion auf Wissenschaft und Ethik.



Ich muß ehrlich sagen, die Erkenntnis verschlägt einem erst einmal die Sprache und auch jetzt noch beinahe jede Lust eines weiteres Kommentars. Die Seite beschäftigt sich mit der Rolle der Physiker beim Bau der Atombombe im Spiegel dreier Theaterstücke. Sie heißt "Wissenschaft und Ethik", nicht "Geile Pics von coolen Atombomben". Aber es reicht wohl schon aus, ein Bild Bombe.jpg zu betiteln, und es werden um das zigfache mehr Menschen auf die Seite getrieben als durch ihren Inhalt. Bleibt dazu was anderes zu sagen, als Möbius Fazit in Dürrenmatts Die Physiker "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden" abzuwandeln in "Was einmal ins Internet gestellt wird, kann nicht mehr zurückgenommen werden"? Doch, das Bild heißt jetzt "ab.jpg" - mal sehen welcher Bombenfetischist es jetzt noch aufstöbern wird. Frayns Theaterstück Kopenhagen endet mit der Gewißheit, irgendwann wird die Zeit kommen, wo keine Entscheidungen mehr getroffen werden müssen, weil es keine Menschen mehr geben wird, keine Unbestimmtheit mehr und kein Wissen. Manchmal sehnt man sich nach dieser Zeit.


zu Unsere Besten - die Wahl der 100 größten Deutschen im ZDF:

Die 100 dümmsten Deutschen.

Nun haben sie also gewählt, nicht nur 100 Deutsche, nein ganze 1,5 Millionen, immerhin Leute, die schreiben können (oder doch nur klicken?) - also wohl so etwas wie eine positive Auslese dieser Nation. Doch was ist herausgekommen? Küblböck vor Mozart, Bohlen vor Kant, Heino vor Heine. Eigentlich erübrigt sich jeder Kommentar einer solchen Liste, außer sich angewidert von den 100 Gewählten und 1,5 Millionen Wählern abzuwenden. Doch ein paar Details sind es vielleicht doch wert, kommentiert zu werden:

Das Untertanenvolk - an der Spitze der 100 größten Deutschen steht nicht Goethe, nicht Beethoven, nicht Einstein sondern - Adenauer. Die Hammelherde folgt ihren Leithammeln. Die politischen Ansichten der 50er Jahre sind nicht in ihrer kleinbürgerlichen Biederkeit und dem engstirnigen Konservatismus längst überwunden sondern erstrahlen in ungebrochenem Glanz - "Keine Experimente" auch bei dieser Wahl. Helmut Kohl findet sich auf Rang 13: ein paar Millionen einzusacken und niemandem zu verraten, für welch dreckigen Volksverrat man sie eigentlich bekommen hat - so sehen Vorbilder im "neuen Deutschland" aus. Selbst Polit-Pleitier Gerhard Schröder findet sich wohl zum Erstaunen aller nur nicht seiner selbst unter den Top 100 wieder. Schließlich ist das konsequente Abschaffen der Sozialdemokratie doch auch eine Leistung, die Würdigung verdient. Nur einer, der fehlt leider, der wahre Oberhammel aller Deutschen, dem wir so gerne blind ins totale Verderben eines totalen Krieges folgten. Mit derselben Blindheit hätten wir den Burschen aus Braunau mit seinem entzückenden Schnäuzer und dem rrrrollenden rrrr doch wieder auf Platz 1 gewählt, wenn er dem ZDF nicht zu wenig "entertaining" gewesen wäre. Und das wo er doch eine so bravouröse Parodie auf Chaplins "großen Diktator" geben konnte...

Lobbys und Interessengruppen - Da bringen also die Christdemokraten "ihren" Adenauer auf Platz 1 und die Sozialdemokraten (was? die gibt's noch?) halten sich mit einem längst in die Aservatenkammer abgeschobenen Willy auf Platz 6 schadlos. Die Political Correctness hievt die vollkommen unbedeutenden Geschwister Scholl - paarweise, da nur als Symbol gemeint, bloß nicht als reale Menschen - auf Platz 4. Und natürlich nicht zuletzt die Frauenbewegung. Denn welche Frau hätte man bitte auch sonst wählen sollen, wenn Regine Hildebrandt (22.), Alice Schwarzer (23.), Steffi Graf (32.) und Nena (38.) folgen? Aber das Gezeter ist da: wie kann es sein, daß so wenige der so vielen bedeutsamen Vertreterinnen des besseren Geschlechts gewählt wurden. Hätte nicht Frau Adenauer auf Platz 1 gehört? Interessant immerhin der starke Einfluß der Kirchen, die inzwischen die offene Einflußnahme in der Gesellschaft scheuen, aber offensichtlich maulwurfsartig im Untergrund wühlen: Katholik Adenauer auf Platz 1, doch die Evangelischen rächen sich mit Luther auf Platz 2. Der bedeutendste Komponist ist natürlich nicht Beethoven sondern der klerikal abgesegnete Bach. Auf Platz 11 folgt Kolping, auf Platz 17 Kentenich. Kennen Sie nicht? Wohl auch im letzten Kirchenkreis gepennt? Und mit den Kardinälen Lehmann, Frings und Ratzinger landen wir dann wieder beim Thema "Untertanenvolk".

Volk der Dichter und Denker - hat man uns wirklich einmal so betitelt? Das muß ein großes Mißverständnis gewesen sein. Selbst Goethe, an dem man nun doch nicht so einfach vorbei kann, muß Adenauer, Luther, Brandt und den Geschwistern Scholl den Vortritt lassen. Schiller? Irgendwo auf Platz 68 hinter Roy Black. Dessen "Ganz in Weiß" übertrifft doch auch jede "Bürgschaft". Hesse, Heine, Mann - abgeschlagen. Kafka, Brecht, Böll - gar nicht erst unter den Top 100. Da fragt man sich, wer Gutenberg eigentlich auf Platz 8 gewählt hat, wo wir doch offenkundig so wenig Wert auf Gedrucktes legen. Ach so - siehe "Lobbys und Interessengruppen" - Gutenberg hat ja die Bibel gedruckt... Und die Denker? Kant und Nietzsche unter ferner liefen, Freud und Schopenhauer gar nicht erwähnt. Immerhin, und hier muß man doch aufhorchen: Karl Marx auf Rang 3. Man darf sich zwar die berechtigte Frage stellen, wie viele seiner Wähler ihn nicht nur aus strammer altkommunstischer Linientreue oder der so beliebten verklärenden Fun-Ostalgie gewählt haben, aber gerade in der heutigen Zeit, in der Marx wie ein Aussätziger behandelt wird und seine Gedanken wie ansteckende Krankheiten, muß man den Tabubruch bewundern, der im Kopf einer ganzen Menge Menschen stattgefunden hat, dem großen Vordenker der sozialen Gerechtigkeit ihre Stimme zu geben.

Macher statt Genies - die Gretchenfrage bei all den Gelisteten und Ungelisteten ist doch nur eine: wie hätte die Welt ausgesehen ohne diesen Menschen? Ohne Adenauer? Nun, dann hätte das junge Nachkriegsdeutschland ja gar keinen Bundeskanzler gehabt, oder - ach, da wäre ein anderer an seine Stelle gerutscht? Und der hätte seine Aufgabe vielleicht aucht bewältigt? In manchen Punkten besser, in manchen Punkten schlechter, auch wenn man eins sicher sagen kann: Bonn wäre nicht Hauptstadt geworden. Also doch ganz verständlich, daß alle Bonner für ihren Adenauer gestimmt haben. Ohne Goethe? Ohne Mozart? Ohne so viele andere Künstler, die der Welt in ihren Werken Einmaliges und Unwiderbringliches geschenkt haben? Ja, die Welt würde existieren. Doch es wäre eine ärmere Welt. Aber die Menschen ziehen immer die Macher den Genies vor, denn sie erkennen zurecht: ein Macher könnten auch sie sein, zum Genie reicht es nie. Und so schließt sich der Kreis. Es muß also Durchschnitt unter die 100 besten Deutschen gewählt werden, um das Gefühl zu haben, auch dazuzugehören. Thomas Gottschalk, Michael Schumacher, Günter Jauch - Menschen wie du und ich. Nein, ich nehme mich aus: Menschen wie du, geneigter Wähler. Und so entsteht sie eben: die Liste der 100 massentauglichsten Deutschen, die Liste der 100 durchschnittlichsten Deutschen, die Liste der 100 deutschesten Deutschen.


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