Vladimir Nabokov: Einladung zur Enthauptung

Cincinnatus C. ist zum Tode verurteilt, angeklagt des schwersten Verbrechens, das sein fiktiver Staat kennt: der Opazität, der Undurchsichtigkeit für seine Mitmenschen, die einander sind wie offene Bücher, ohne Geheimnisse, ohne Wesen, ohne Seele. Nun sitzt er in seiner Zelle, träumt, phantasiert, schreibt und hat Angst, denn mehr als alles andere macht ihm zu schaffen, daß er seine verbleibende Zeit nicht abschätzen kann, daß allem, was er beginnt, die Vollendung versagt bleiben könnte und doch gleichzeitig jede Minute der Unschlüssigkeit ungenutzt verstreicht.
Grotesk gegenüber seiner existentiellen Angst wirkt die in ihrer Formalität und vollkommenen Empfindungslosigkeit um so grausamere Höflichkeit seiner Wärter, ja gar seines Henkers, der sich als Mitgefangener ausgibt um das Vertrauen seines "Probanden" zu gewinnen. Mehr und mehr erscheinen sie wie Parodien, wie nur schlecht zusammengezimmerte Attrappen, denen Cincinnatus schließlich jede Interaktion verweigert. Noch auf dem Weg zum Schafott hat er nur einen einzigen Wunsch: "Allein!", der ihm so selbstverständlich verweigert wird wie jeder Wunsch zuvor.

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Natürlich kann Nabokovs bittere Satire seine eigene Biographie nicht verleugnen, entstand sie doch, nachdem die Oktoberrevolution ihn gezwungen hatte, seine russische Heimat zu verlassen, und nur Jahre bevor eine zweite Tyrannei ihn aus dem Berliner Exil nach Amerika vertreiben sollte.
Und doch wirkt das Buch beinahe wie ein Spiegel der Vordergründigkeit und Falschheit der heutigen Zeit. Und nur allzu bald ergeht es einem wie Cincinnatus selbst und man glaubt sich umgeben von schlecht gespielten Karikaturen menschlichen Lebens...