Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz

Es sind scheinbare Kleinigkeiten, die den Erzähler von Genazinos kleinem Roman zum Ausbrechen nötigen, zur Reise in fremde Städte, Kleinigkeiten, die er doch als Zumutungen des Lebens empfindet, Übergriffe, denen er sich nicht schutzlos ausgeliefert fühlen will.

Die Schändung Mozarts Namen "Moz" durch gedankenlose Jugendliche treibt ihn nach Wien, die Trikotwerbung einer Fußballmannschaft ERDGAS, die sich in seinem Kopf zum Vor- und Nachnamen Edgar Degas formt, nach Paris, die Tagebücher Max Beckmanns, aus denen er immer wieder Zitate einstreut, nach Amsterdam, immer begleitet von seiner Freundin Gesa, die sich mit Kopftüchern und Jacken gegen das Eindringen der Welt vermummt.

Nirgends vermag er sich lange heimisch zu fühlen, unter keinen Menschen zugehörig. Immer treibt es ihn weiter. Er fühlt sich in seinem Leben als "glücklich Enttäuschter". Auch als er am Ende der Reise wieder nach Frankfurt zurückkehrt, hält es ihn dort nicht lange, und der Roman endet mit seinen Worten: "Es ist soweit, wir müssen wieder verreisen."

Ich rede nicht über den Fleck, ich entschuldige ihn nicht, ich beseitige ihn nicht, ich verberge ihn nicht. Es entsteht der Eindruck, daß ich in voller Übereinstimmung mit ihm lebe, und eben das scheint das Unannehmbare zu sein. An manchen Nachmittagen werde ich von flüchtigen Passanten so oft abgelehnt, daß mir ein wenig schwindlig wird. Dabei soll mich der Fleck nur an die große Aufgabe erinnern, daß ich ohne die Urteile der anderen leben will. Man muß durch die Welt gehen wie durch einen einsamen Wald.

Als Zeichen, daß sie die Zurückweisung der Stadt fühlt, befestigt Gesa mit einer Sicherheitsnadel einen Streifen Stoff an ihrem rechten Jackenärmel. Das Wedelnde an mir ist jetzt der Ausdruck des Fliehens während des Gehens, sagt Gesa.

Ich bin überrascht, wie sehr mir das Leben in Hotelzimmern entspricht. Man hat immer nur ein paar Koffer und Taschen um sich, von denen jeden Tag die Mahnung ausgeht, daß es besser ist, wenn sich nichts ansammelt.

Aber ich weiß, daß mein Wunsch, unmittelbar und sofort in einer würdigeren Welt zu leben, nur die Gestalt meines Wahnsinns ist. Draußen, auf der Straße, durchreißt mich ein Schmerz. Dann laufe ich so umher, wie die anderen es von mir erwarten dürfen.