Die Kassierinnen - Zitate


Ich fragte mich, ob ich im Augenblick ansehnlich war oder nicht, ob gegen irgendein Detail meiner Erscheinung Einwände erhoben werden konnten und welche. In diesen Sekunden überraschte mich das Gefühl der Lächerlichkeit. Vermutlich lag es in der Nötigung meine allgemeine Unbedenklichkeit feststellen zu müssen, und zwar öffentlich.

Ich glaubte, es war mit bis jetzt gelungen, als weitgehend diskreter Mensch durch das Leben zu kommen. Aber auf einmal war ich durch eine aufdringliche Befindlichkeit zu sehr mit den anderen Menschen verbunden und empfand ihren Urteilseifer und ihre heimliche Lust auf Verachtung und Hohn.

Ich wartete zwei oder drei Minuten, dann ließ ich mich seitlich vom Barhocker herunterrutschen. Es sah vermutlich ein wenig ungeschickt aus, aber es ging. Offenbar niemand, dachte ich, hat bemerkt, daß ich ungefähr drei Minuten lächerlich gewesen war.

Einen Grund für ihr Grinsen konnte ich nicht ausfindig machen. Ich sah an mir herunter und wußte nicht, was an mir ich beanstanden sollte. Ich sah nicht besonders gut aus, ich ähnelte den anderen, die auch nicht besonders gut aussahen. Dennoch genügte das Grinsen zweier Halbwüchsiger, mich von diesen anderen zu trennen.

Seit ich denken konnte, hatte ich immer geglaubt, irgendwo dazuzugehören, und das "irgendwo" waren in meiner Vorstellung die anderen, die mich nicht kannten, mich aber fraglos akzeptierten. Und doch merkte ich jetzt wieder, daß ich nur vorübergehen zu ihnen gehört hatte oder daß mein Dazugehören immer nur eingebildet war. Durch den momentweisen Vollzug der Loslösung von den anderen brachte ich die erste Spur meines Untergangs hervor und schied dabei öffentliche Lächerlichkeit aus. Das heißt, der Ausgelachte stellte nichts Geringeres als die Zerstückelung der Welt dar.

Plötzlich verstand ich die vielen Menschen, die sich immerzu die allerneueste Kleidung, die allerneuesten Schuhe und Taschen, die allerneuesten Brillen und die allerneuesten Autos anschaffen mußten. Auch sie fürchteten offenkundig die Selbstverfemung, die öffentliche und doch geheime Zurückweisung durch die anderen, die in einem versteckten und doch mitgeteilten Hohn nistete.

Ein Grundzug meiner Lächerlichkeit bestand sicher darin, daß ich vieles, was ich lange und vehement ablehnte, irgendwann dann doch annahm. Lächerlich wurde ich durch die beiden Enthüllungen, daß mein inneres Verweigerungstheater nie gestimmt hatte, daß ich ohne dieses Verweigerungstheater aber nicht hätte leben können.

Kaum war die Bahn wieder in Bewegung, stießen die Kontrolleure gemeinschaftlich das Wort Fahrkartenkontrolle aus. Auf der Jacke des dritten Kontrolleurs waren die Worte PUSSYCAT aufgedruckt. Daneben war eine Katze mit Kußmund abgebildet. Was habe ich eigentlich getan, dachte ich, daß solche Leute mich kontrollieren dürfen? Wo leben wir? Was ist überhaupt los?

Wie großartig wir denken können und wie armselig wir leben müssen.

Ich hatte angenommen, man wird nur einmal im Leben todmüde, aber jetzt bin ich es fast jeden Abend.

In früheren Jahren ertrug ich den Anblick der Kassiererinnen nicht, ohne mich einem Gefühl der Weltbitternis hinzugeben. Jetzt kam mir meine neue zärtliche Gleichgültigkeit zu Hilfe und redete mir ein, daß die Kassiererinnen der Fatalität ihres Schicksals vermutlich gewachsen waren.

Ich hatte auch keine Meinung mehr über die TV-Schüsseln an den Hauswänden ringsum. Noch im vorigen Jahr hatte ich gegen sie geschimpft, weil ich nicht vesrstand, wie man schöne, alte Häuser mit derartigen Schüsseln verschandeln konnte. Beziehungsweise ich glaubte, es sei bedeutsam, daß ich die Verschandelung nicht verstand. Heute wußte ich, daß die Verunstaltung von niemand verstanden werden mußte und daß es auf meine Meinung nicht ankam.

Ich fragte mich, wie lange Frau Pasqualetto diese, wie soll ich sagen, Lebenszurichtung aushalten würde. Aber vielleicht hielt sie gar nichts aus. Es handelte sich wieder nur um mich selbst, das heißt, um eine meiner Hauptbeschäftigungen, die darin bestand, nicht ganz passende Überlegungen an die Personen und Vorfälle heranzutragen.


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