Wilhelm Genazino: Leise singende Frauen

Wo können wir verweilen? Was können wir uns anschauen? Wessen können wir uns erfreuen?
Ein Mann durchstreift seine Stadt. Der Anlaß, die Suche nach einem verlorenen Kreisel, bleibt nicht mehr als ein Vorwand, der es der Hauptfigur wie dem Erzähler ermöglicht, seine Blicke über die Stadt und ihre Menschen schweifen zu lassen und zu beobachten.

Was er beobachtet sind die kleinen Alltäglichkeiten des Lebens, Dinge, die in der Hast des Alltags dem Blick nur allzu leicht entgehen, kleine Details, die seine Augen einfangen und aus denen sich ihm Gefühle, Stimmungen, ganze Geschichten erschließen.

Er folgt den Menschen, die seine Aufmerksamkeit erregen, auf ihren Wegen. Und immer wieder liegt in seinen Blicken ein beinahe kindliches Staunen, eine Offenheit für ungewöhnliche Einsichten, die nur der Fremdheit eines Sonderlings in der sogenannten Normalität entspringen kann, der sich nie mit dem Zwang ins Notwendige abgefunden hat sondern stets ein Träumer, ein Wanderer, ein Geschichtenerfinder geblieben ist.
Kleine Gegenstände wie der verlorene Kreisel, ein Marmorei, das er in seiner Tasche trägt, auf der Straße stehende verlassene Schuhe, eine sich als billige Tankstellenreklame enttarnende geschenkte Rose oder erfundene Freundschaften wie die zum Dichter Paul Celan sind es, die ihm helfen, sich gegen die Zumutungen des Lebens, die Übergriffe der anderen zu schützen, die er auch dann in seiner durch keinerlei Alltagstauglichkeit taub gewordenen Verletzlichkeit spürt, wenn sie sich nicht gegen ihn selbst richten.

So wie er seinen verlorenen Kreisel nicht wiederfindet, muß auch seine Suche nach Poesie, nach Zartheit, letzlich nach Liebe in einer Welt, in der die Häßlichkeit ringsum als normal, ja sogar als notwendig empfunden wird, vergeblich bleiben.
Und doch endet das Buch mit der Illusion des Protagonisten, sein Leben fortan in einem nicht endenden ungeschriebenen Gedicht zu leben. Und zum ersten Mal hört er die titelgebenden "leise singenden Frauen".

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