Leise singende Frauen - Zitate

Ich gehe umher und vermisse nichts, und das bedeutet: Ich werde nichts fordern müssen. Ich stehe herum und beklage nichts, und das bedeutet: Ich werde niemanden beschuldigen müssen. Ich gehe weiter und schaue die Menschen an und beneide sie nicht, und das bedeutet: Ich werde ihnen nichts antun müssen.

Ich nenne dieses Umhergehen auch Zotteln und Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann.

Es fällt mir mein verlorener Kreisel ein; ich schaue umher und entdecke ihn nicht. Zum ersten Mal streift mich die Idee, es sei nicht wichtig, ihn wiederzufinden. Viel angenehmer ist, in der Stadt etwas von sich verloren zu wissen, nach dem ich trotzdem immer wieder suchen kann.

Ich weiß nicht genau, ob ich ihn noch immer suche oder ob ich mich unter dem Vorzeichen der Suche nur noch an ihn erinnere.

Die Passanten, die sich über mich wundern, wissen sicher nicht, daß ich sie ebenfalls rätselhaft finde.

Es ist klar, daß eine derart heruntergekommene Bank von den meisten Besuchern nicht geschätzt wird; durch diese Verachtung wird sie erstmals schön.

Auf dem Promenadenweg entlang des Mains tritt ein Mann einem Hund auf die Pfote. Der Hund jault auf und hebt dabei den Blick; er weiß nicht, was eine Entschuldigung ist, aber er erwartet eine.

Ein leichter Sommerwind treibt die Cellophanverpackung einer Zigarettenschachtel an der Schaufensterfront eines Kaufhauses entlang; das kaum hörbare Geräusch des Dahingleitens ist weit und breit die einzige Zartheit, die die Stadt im Augenblick zustande bringt.

Da beginnen sich die Wörter in meinem Buch zu bewegen; es ist, als würden sie auf den halbnassen und mehrfach gebogenen Seiten wie auf einem roten Meer langsam zu mir hertreiben, und ich schaue ihnen vom Ufer aus entgegen und kann ihre Ankunft kaum erwarten.

Und dann ist es zu hören, was nur von verirrten Nachfaltern zu hören ist, das einzigartige seidige Schleifen der Flügel an der Wand, ein samtenes Stoßen wie das Geräusch eines Gedankens auf der Flucht.

Die Wespe rutscht an meiner Außenhand entlang und verursacht mit ihrem flaumigen Körper eine Berührung von solcher Zartheit, wie sie von Menschen nicht zu haben ist.

Ich will von etwas so sehr überwältigt werden, daß es hinterher leichtfällt, das Leben für vollendet zu halten.

Ich lese die Zeile, die auf der Kinokarte aufgedruckt ist: Aufbewahren und auf Verlangen vorzeigen und bin in diesem Augenblick ganz sicher, was der Satz auf der Kinokarte bedeutet: Wir sollen uns aufbewahren und uns auf Verlangen vorzeigen.

Wir gehen nur mit unerhörter Allmählichkeit dem Tod entgegen und wollen unterwegs angeschaut werden, so oft und so haltlos wie möglich.

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