Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag
Er ist ein Flaneur der Großstadt, der Ich-Erzähler des mit leichter Feder geschriebenen Romans "Ein Regenschirm für diesen Tag" von Wilhelm Genazino. Ja, er verdient sogar seinen Lebensunterhalt damit, als Tester für Luxusschuhe durch die Straßen zu wandern, immer den Blick offen für die Merkwürdigkeiten des Lebens, in dem er sich fremd fühlt, befangen in der Vorstellung, ohne innere Genehmigung auf dieser Welt zu sein, gleichsam als blinder Passagier des eigenen Lebens.

Den Kopf voller Flausen scheint er nicht recht zu passen in die tüchtige Welt der anderen Menschen. Immer wieder denkt er Gedanken, die niemanden beeindrucken als ihn selbst, ja die er nicht einmal jemandem mitteilen kann, ausgenommen Lisa. Doch deren Verständnis für den Sonderling, das er für ewig hielt, hat sich im Lauf der Zeit aufgebraucht, bis sie ihn vor einigen Tagen verlassen hat. Und nun ist er allein und fürchtet seine staubkorngleiche Verflusung, sein schleichendes und allmähliches Verrücktwerden, mit dem er immer wieder kokettiert.

Doch allmählich wenden sich die Dinge in seinem Leben. Er trifft wieder auf seine alte Jugendfreundin Susanne, die noch immer den Traum einer Schauspielerin träumt, obwohl sie doch nur ein einziges Engagement in ihrem Leben hatte. An einem Abend an ihrer Seite behauptet er, er leite ein "Institut für Gedächntnis- und Erlebniskunst", das ein unvermutetes Eigenleben entwickelt, als die anwesenden Kolleginen seine Dienste in Anspruch nehmen. Und schließlich scheint es ihm doch gegen Ende des Romans so, als vermöge er seinem Leben in Bälde die so lange verweigerte Genehmigung auszustellen.

In den Beobachtungen eines dem Leben Fremden gelingen Genazino ganz neue, eigene Beschreibungen des eigentlich doch so gewöhnlichen Alltags einer Großstadt. Und bald schon beschleicht einen das Gefühl, nicht der Erzähler sei ein Sonderling, sondern all die ihn umgebenden Menschen, die ihrem Leben so leichthin eine Genehmigung ausgestellt haben oder sich gar dieser Frage nie gestellt haben, und man wundert sich mit ihm, "daß nicht viele Personen endlich eingestehen, das ihre Normaliät nur gespielt ist".