Regenschirmzitate

Zu uns kommen Menschen, die das Gefühl haben, daß aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.

Diese Empfindung verbindet sich dann mit einem Gefühl, das ich oft habe: Daß ich ohne meine innere Genehmigung auf der Welt bin. Genaugenommen warte ich noch immer darauf, daß mich jemand fragt, ob ich hier sein möchte. Ich stelle es mir schön vor, wenn ich, sagen wir: heute Nachmittag diese Genehmigung erteilen könnte.

Ich empfinde Lust, meine Jacke auszuziehen und sie in hohem Bogen in das Gestrüpp zu werfen. Auf diese Weise hätte ich vielleicht Anteil an der Beharrungskraft des Gestrüpps. Schon das Wort Gestrüpp beeindruckt mich. Es ist vielleicht das Wort für die Gesamtmerkwürdigkeiten allen Lebens, nach dem ich schon so lange suche.

Das Wort Geröll gefällt mir. Es drückt die Merkwürdigkeit des Lebens genauso gut aus wie das Wort Gestrüpp. Vermutlich sogar ein bißchen besser, weil die Verstaubtheit allen Lebens in Geröll besser anklingt als in Gestrüpp.

Es werden schon lange keine Beweise mehr gebraucht, daß man es auf der Welt nicht aushalten kann, aber hier wird gerade wieder einer geliefert.

Zum Glück habe ich meine Jacke nicht dabei, sonst würden mich die niemals zu genehmigende Merkwürdigkeit des Lebens jetzt zwingen, die Jacke in irgendein Gestrüpp oder Geröll zu werfen und sie zwei Tage lang stumm anzuschauen.

Ich schaue mir die Menschen an und schaue sie nicht an. Ich kenne sie und kenne sie nicht. Sie interessieren mich und sie interessieren mich nicht. Ich weiß schon zuviel von ihnen und ich weiß immer noch nicht genug.

Ich bin sicher, daß alle diese fröhlichen Leute bei der erstbesten Gelegenheit unbarmherzig werden, falls Unbarmherzigkeit plötzlich lohnend erscheint.

Mir gefallen ein paar Kinder, die mit erfundenen Erlebnissen prahlen. Wie heftig sie schon jetzt gegen Enttäuschungen anreden!

Anstelle der Überschrift VERABSCHIEDUNGEN IM LANDRATSAMT lese ich versehentlich VERARMUNGEN IM LANDRATSAMT. Obwohl ich nie ein Landratsamt von innen gesehen habe, bin ich momentweise entzückt, daß das Amt seine Verarmungen endlich eingesteht.

Mein Vater war besonders stolz, daß er praktisch von seinem sechzehnten Lebensjahr bis zu seinem Tod gearbietet hat. Er hatte es gut. Er vergaß während und durch die Arbeit seine Konflikte. Bei mir ist es genau umgekehrt. Mir fallen Konflikte erst ein, während oder wenn ich arbeite. Deswegen muß ich die Arbeit eher meiden.

Aber auch meine zufällige Nähe läßt mich spüren, auf wen Susanne eigentlich wartet: auf einen tüchtigen, erfolgreichen, interessanten Mann. Der nur zufällig anwesende Mann (ich) verbringt seine Zeit mit ihr und bemerkt dabei, daß der von Susanne erwünschte/ersehnte/erträumte Mann nicht in ihr Leben tritt. Nur deswegen verbündet sich die übriggebliebene Susanne dann doch mit dem bloß zufällig anwesenden Mann, also mit mir.

Mir fällt ein, daß ich Lisa seit vielen Wochen nicht mehr gesehen habe. Es ist, als sei sie für immer aus meinem Leben getreten. Sogleich korrigiere ich mich: Es scheint nicht nur so. Sie ist aus meinem Leben getreten.

Ich habe mich nie dafür interessiert, ob es eine Seele gibt oder nicht, aber plötzlich spiele ich mit dem Gedanken, daß ich vielleicht eine habe. Dabei weiß ich nicht, was eine Seele ist und wie man über sie sprechen könnte, ohne sich zu genieren. Aber ich würde gerne wissen, was ich tun muß, damit sie keinen Schaden nimmt. Damit sie keinen Schaden nimmt!

Plötzlich kehrt das Wort winterhart in mein Bewußtsein zurück. Ich frage mich, ob ich selbst winterhart bin. Ich bin es nicht, im Gegenteil, zur Winterhärte hat mir immer viel gefehlt, ich bin ja nicht einmal sommerhart!

Ich erwische einen Film über Blaufußtölpel auf den Galapagos-Inseln. Mir gefallen die Blaufußtölpel, im Augenblick wäre ich selbst gern einer. Daß man mich dann im Fernsehen ebenfalls Tölpel nennen würde, wäre mir egal, denn als Blaufußtölpel wüßte ich endlich nichts mehr von Worten und ihren Bedeutungen.

Kurz darauf schwimmt eine Ente vorüber; sie hat ein Bein eigentümlich hochgestellt. Und obwohl ich mich gerade ermahnt habe, nicht mehr bedeutungsvoll zu sehen, fällt mir doch der Satz ein: Guter Gott, jetzt sind auch noch die Enten behindert. Wenige Sekunden später holt die Ente das hochgestellte Bein wieder ins Wasser zurück und schwimmt normal weiter.

Ich begreife, mein Glück ist, daß mich niemand beanstandet.

Augenblicksweise ist mir klar, warum ich mich nach einem Blätterzimmer gesehnt habe. Es sollte wenigstens einen Raum geben auf der Welt, in dem ich nicht erschreckt werden kann.

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich schon als Kind der Meinung war, das staubige Leben könne von mir nicht ohne weiteres angenommen werden. Beziehungsweise erst nach einem langen, weitschweifigen Genehmigungsverfahren, das bis heute anhält, aber vermutlich in Kürze abgeschlossen sein wird, wenn mein Instinkt mich nicht trügt.

Ich habe keine Lust mehr, mein Leben zu belauern. Ich warte nicht mehr darauf, daß die äußere Welt endlich zu meinen inneren Texten paßt! Ich höre auf, der blinde Passagier meines eigenen Lebens zu sein!

Die Unruhe über mein fast gescheitertes Leben verwandelt sich in die Aufregung über den gerade noch gefundenen Ausweg.

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