Georges Perec: Der Mann der schläft

Kein Ich-Erzähler, ein Du-Erzähler ist es, der in Georges Perecs Roman "Der Mann der schläft" am Morgen seiner Examensprüfung erwacht und sich von einem Augenblick auf den anderen dem Leben verweigert. An einem Tag wie diesem, etwas später, etwas früher, entdeckst du ohne überrascht zu sein, daß etwas nicht funktioniert, daß du, um es einmal unvorsichtig auszudrücken, nicht zu leben verstehst, es nie verstehen wirst.
Er steht nicht auf, nicht nur an diesem Tag sondern auch an allen folgenden. Er bleibt in seinem kleinen Zimmer, ohne zu essen, ohne zu lesen, fast ohne sich zu rühren. Nur in den Nächten verläßt er sein Zimmer, streift ziellos durch die Straßen. Manchmal läuft er die ganze Nacht hindurch, manchmal schläft er den ganzen Tag. Du bist ein Müßiggänger, ein Schlafwandler, eine Auster. Die Definitionen variieren je nach den Stunden, den Tagen, doch die Bedeutung bleibt einigermaßen klar: du fühlst dich kaum geschaffen zum Leben, zum Handeln, zum Formen; du willst nur dauern, du willst nur das Warten und Vergessen. Es ist die totale Verweigerung des Lebens, die er versucht; des Menschenlebens. Was er anstrebt ist das Leben einer Pflanze, ohne Wunsch, ohne Ärger, ohne Aufruhr. Nichts als Warten und Dauern.
Warum solltest du auf die Gipfel der höchsten Berge steigen, wenn du nachher doch wieder herunter mußt, und wenn du dann wieder unten bist, wie schaffst du es, daß du nicht dein ganzes Leben lang davon erzählst, wie du es angestellt hast, um hinaufzuklettern? Warum solltest du so tun, als lebtest du? Warum solltest du weitermachen?
Und doch geht wie über alles auch über seine Verweigerung schließlich die Zeit hinweg. Irgendwann muß er sich eingestehen: Die Gleichgültigkeit ist sinnlos. Du kannst wollen oder nicht wollen, was liegt schon daran! Du magst glauben, daß du eine entscheidende Tat vollbringst, wenn du täglich die gleiche Mahlzeit zu dir nimmst. Aber deine Weigerung ist sinnlos. Deine Neutralität hat nichts zu sagen. Deine Trägheit ist eben so fruchtlos wie dein Zorn. Nichts ist geschehen: kein Wunder, keine Explosion.
Und so tritt er wie der Leser nach Lektüre des Buches wieder ins Leben ein, desillusionierter oder lebensfähiger? Die Zeit, die über allem wacht, hat gegen deinen Willen eine Lösung gebracht. Die Zeit, die die Antwort kennt, ist weitergegangen. Es ist ein Tag wie dieser hier, ein wenig später, ein wenig früher, an dem alles neu beginnt, an dem alles beginnt, an dem alles weitergeht. Hör auf zu reden wie ein Mensch, der träumt.

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