Rafael Chirbes: Die schöne Schrift


Ana ist eine einfache Frau aus der spanischen Provinz. Doch wenn sie über ihr Leben erzählt, ist es die Geschichte einer Generation und die eines Landes, Spaniens, seines Bürgerkriegs - und wie unter der Glasglocke der faschistischen Franco-Herrschaft die persönlichen Träume Einzelner ersticken.

Es sind nicht die schweren Schicksalsschläge, die Anas Leben heimsuchen, es sind die unauflöslichen Mißverständnisse vom Kriege gebrochnener und privat gescheiterter Menschen, die vor allem eines nicht können: miteinander über ihre Schmerzen zu reden sondern einer nach dem anderen einsam an seinem Los zerbrechen.

Ana ist diejenige, die übrig bleibt, vielleicht die Stärkste in ihrem Pflichtbewußtsein. Doch am Ende muß auch sie sich fragen, welchen Sinn ihre Aufopferung gehabt hat, als sie spürt, daß ihr eigener Sohn ihr längst fremder geworden ist als die einst verhaßte Rivalin, ihre Schwägerin Isabel, die Frau mit den hochtrabende Zielen und der "schönen Schrift". Und sie verspürt Neid auf jene, die lange vor ihr gegangen sind.

Mit einem letzten Brief an ihren Sohn durchlebt sie noch einmal die einschneidenden Momente ihres Lebens, ihre Träume, ihre Hoffnungen und deren Scheitern.

Rafael Chirbes Roman ist von tiefer, alles durchdringender Traurigkeit und doch gleichzeitig voll magischer Momente, schlichter sprachlicher Schönheit und eines großen, tief humanistischen Mitleids. Er erinnert nicht von ungefähr an die frühen Filme Carlos Sauras, entstammt er doch demselben Milieu eines im franquistischen Spanien konservierten Muffs von lebensfeindlicher Religion und niederträchtigem Faschismus einer vergangenen Zeit.

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