Alessandro Baricco: Seide

In dem Raum war alles so still und reglos, daß das, was unversehens geschah und gleichwohl ein Nichts war, wie eine Ungeheuerlichkeit wirkte.

Ohne die leiseste Regung
schlug dieses Mädchen
plötzlich
die Augen auf.


Hervé Joncour führt mit seiner Frau Hélène ein angenehmes, leichtes Leben. Im Auftrag seiner südfranzösischen Heimatstadt Lavilledieu, die von ihrer Seidenproduktion lebt, reist er jedes Jahr für wenige Wochen nach Nordafrika und kauft Seidenraupeneier. Den Rest des Jahres ruht er sich aus.

Doch im Jahr 1861, als in ganz Europa und Nordafrika die Seidenraupen von einer unbekannten Seuche dahingerafft werden, schickt ihn sein Mentor Baldabiou das erste Mal auf die beschwerliche Reise ans andere Ende der Welt, in das fremdartige, für seine Seide berühmte, doch zu dieser Zeit noch vollkommen gegen alle äußeren Einflüsse abgeschotte Japan.

In Japan trifft Hervé Joncour nicht nur auf den über ein ganzes Dorf herrschenden Edelmann Hara Kei, er trifft vor allem auf dessen Geliebte, eine Frau mit dem Gesicht eines jungen Mädchens. Sie redet kein Wort mit ihm. Doch vom ersten Moment an, da ihn ihr Blick trifft, ist für Hervé Joncour nichts mehr wie es war.

Zurück in seiner Heimat kann er dieses Mädchen nicht vergessen. In den folgenden Jahren treibt ihn die Sehnsucht wieder und wieder ins ferne Japan, selbst dann, als die Seuche längst überwunden ist. Kein einziges Wort wird er jemals mit der jungen Japanerin sprechen, doch sie reden miteinander durch aufsteigende Vogelschwärme. Und der Brief, den er von ihr erhält, stellt sich am Ende seines Lebens als Botschaft eines ganz anderen Menschen heraus und ist doch nur umso mehr der Ausdruck einer wehmütigen und unvergänglichen Liebe.

Leicht wie Seide, so ist diese kleine Geschichte der Sehnsucht und Begierde Alessandro Bariccos. Erzählt in schlichten, zarten Worten, hinterläßt sie ein Gefühl von Schwerelosigkeit, ehe sie im Leser verweht.

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