Max Frisch: Stiller

Ich bin nicht Stiller!

Störrisch beharrt der Amerikaner White, der in der Schweiz mit gefälschten Papieren verhaftet wird, nicht jener verschollene Anatol Stiller zu sein, jener schweizer Bildhauer von mäßiger Reputation, der vor Jahren spurlos verschwand, und als den ihn nun alle Welt wiedererkennt.

Was man ihm vorwirft bleibt nebulös. Mehr als die mit Stillers Untertauchen begangenen Ordungswidrigkeiten, scheint Whites Weigerung "er selbst zu sein" die Behörden zu befremden, seine von seinem schweiztümelnden Verteidiger immer wieder beklagte mangelnde Dankbarkeit gegenüber der Heimat. Wer vor seinem eigenen Ich flieht, der muß in der so biederen, anständigen Schweiz doch wohl noch mehr auf dem Kerbholz haben?

» Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; - diese Unmöglichkeit ist es, die uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns vorgeben zu sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle - nur um sagen zu können: "Ich kenne dich." «


Ausgerechnet der Staatsanwalt wird White zum einzigen Freund, als ihn nach und nach Stillers alte Gefährten besuchen und ihn auf dessen Rolle festlegen, ausgerechnet er, mit dessen Frau Stiller vor Jahren eine Affaire hatte.

Und dann ist da noch Julika, Stillers Frau, in die sich auch White auf Anhieb verliebt. Verzweifelt hat Stiller diese in ihrer Beherrschtheit von allen so gepriesene Frau geliebt, an deren Contenance er zerbrach, nicht ohne auch sie zu zerbrechen.

Ob es White nun möglich ist, wenigstens von ihr als ein anderer erkannt zu werden, wirklich und neu zu ihr zu finden? Oder bleibt am Ende doch nur die behördliche Verurteilung zu sich selbst, kein Entkommen aus Stillers gescheitertem Leben?

zurück