Streitbare Gedanken und Aphorismen - frei nach Georg Christoph Lichtenberg


Das Leben ist in Deinem Kopf. Ist es nicht in Deinem Kopf, ist es nirgendwo.
Die Liebe ist in Deinem Herzen. Ist sie nicht in Deinem Herzen, ist sie nirgendwo.

Blind für sich selbst, blind für die anderen balancieren die Menschen durch ihr Leben wie Seiltänzer, denen die Augen verbunden sind. Nein, sie balancieren nicht, sie rennen über das Seil, hektisch, atemlos, von Verabredeung zu Verabredung, von Termin zu Termin, um bloß keine Sekunde das Leben zu spüren und vielleicht den schwarzen Abgrund, der unter ihnen gähnt. Und wenn hin und wieder einer fällt, sehen sie es ja nicht und rennen weiter und schreien, um den Aufprall zu übertönen.

Die Zeit totschlagen, das Leben totschlagen, zur Not auch einen Menschen, der dabei in die Quere kommt, und sei es nur, weil er lebt, nicht bloß totschlägt.

Die Menschen glauben nur an das vollkommen unlogische, phantastische, unmögliche - je absurder, desto vehementer. Alles Vernünftige, Erklärliche und Beweisbare lehnen sie aus tiefster Seele ab.

Im Unterschied zu Menschen, die nichts anderes tun mit ihren Füßen gegen Bälle zu treten, mit ohrenbetäubenden Lärm stundenlang im Kreis zu fahren oder einander auf die Fresse schlagen, bis einer von ihnen umfällt, gelten Schachspieler als Käuze und Sonderlinge. Warum? Sie denken.

Der Klügere gibt nach - deshalb regieren die Dummen.

Eine Demokratie, die ihren Erhalt auf die undemokratischen Strukturen einer Armee stützen muß, ist keine.

Jede noch so sinnlose körperliche Tätigkeit wird bei uns als Arbeit geschätzt, das Lesen eines Buches, das Denken oder Träumen als Faulenzen verachtet.

Jede menschliche Vergnügung, jede Feierlichkeit, jede durch Drogenkonsum erreichte Ausgelassenheit beweist, welch tiefes Bedürfnis es den Menschen sein muß, ihr Niveau zu senken, sich von allem Denken, aller Sensibilität, aller Ethik und Moral zu befreien, die Sau rauszulassen und sich wie diese im Sumpf der Niveaulosigkeit zu suhlen. Wie sehr diese Menschen wohl leiden, ansonsten ein Leben als Mensch führen zu müssen?

Nicht der Egoismus ist verwerflich sondern die Mißgunst. Eine Welt, in der jeder Mensch nach nichts anderem als nach seinem persönlichen Vorteil strebte, und um dessen willen auch den Vorteil von anderen hinnähme, wäre ein Paradies.

Der Kriegsdienstverweigerer muß eine Gewissensprüfung ablegen.
Wer prüft eigentlich einmal das Gewissen von Soldaten?

In Zeiten des Handys: Wer am meisten und am lautesten redet, hat am wenigsten zu sagen. Wer überall erreichbar sein muß, ist am entbehrlichsten.

Der kleinste gemeinsame Nenner - warum einigt sich jede menschliche Gemeinschaft auf diesen? Wenn schon ist es in der Mathematik der größte gemeinsame Nenner, der in allen steckt. Doch warum überhaupt eine Division? Warum multipliziert man sich nicht, potenziert die Fähigkeiten? Warum strebt man nicht nach einem gemeinsamen Vielfachen? Dem kleinsten? Dem größten? Dem Unendlichen?

Sind die Menschen so dumm oder so schlecht?
Es gibt eine dritte Möglichkeit. Es ist ein einschließendes oder.

Wer das fremdbestimmte Arbeitsleben als Selbstverwirklichung begreifen kann, offenbart nur, daß er gar kein Selbst besitzt.

Zeitvertreib. Das Wort, das die Freizeit der meisten Menschen beschreibt, sagt alles. Sie vertreiben ihre freie, ungebundene Zeit, mit der sie so gar nichts anzufangen wissen. Schlimmer noch: sie macht ihnen so sehr Angst, daß sie ihre Zeit totschlagen müssen.

Später. Später. Sagt man sich solange, bis es kein später mehr gibt.

Wer keine Angst vorm Tod hat, hat seine Konsequenzen nur nicht begriffen.

Soldaten sind Mörder! - Manche Sätze bestätigen sich genau durch den Aufschrei der Empörung, die sie auslösen. Einen Satz wie "Mathematiker sind Mörder" müßte niemand erst dementieren.

Zwei vorgebliche "Wissenschaften" erklären die Welt mit kruder Kaffeesatzleserei und sinnentleerter formaler Zahlendeutung: die Astrologie und die Chartanalyse an den Börsen. Welche von beiden die lächerlichere ist, sei jedem selbst überlassen.

Wer sich unter seinem Niveau amüsieren kann, hat keines.


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