Dreiviertel drei

Der alte Mann stand einfach da, regungslos, starr, als wenn nichts geschehen wäre. Um ihn herum herrschte eine hektische, fast blinde Betriebsamkeit. Alles stürzte sich in noch so sinnlose Arbeiten, in der stillen Hoffnung, wenigstens für kurze Zeit all die schrecklichen Geschehnisse verdrängen zu können; vergessen würde man sie wohl nie. Doch der alte Mann ließ sich von der geheuchelten Hast nicht anstecken. Er stand da, still, mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit. Im schlaff herabhängenden Arm hielt er ein paar verwelkte Blumen.

Zuerst hatte ich ihn wohl gar nicht bemerkt in meinem blinden Eifer, die Trümmer nach wertlosen Überresten zu durchforsten, doch als mein Blick ihn dann plötzlich streifte, da hielt ich fasziniert inne. Der alte Mann stand einfach da, so teilnahmslos und gelassen, Ruhe und Frieden ausstrahlend, daß es mich seltsam berührte. Wie zufällig lenkte ich von da an meine Schritte immer wieder hin zu dem alten Mann.

Woher nahm er nur die Ruhe? Gestern erst waren die Flieger gekommen, hatten ohrenbetäubend Sirenen die Luft zerrissen, und wir uns angsterfüllt in Keller und Luftschutzbunker geflüchtet. Als wieder Entwarnung gegeben wurde, lag die Stadt in Flammen. Noch immer wurde nach Vermißten gesucht. Ich selbst hatte niemanden mehr wiedergefunden; meine Eltern verschüttet, die Freundin verbrannt. Gestern hatte ich geweint, heute versuchte ich die Erinnerung zu betäuben. Und dann stand dort drüben ein Mensch, den dies alles kalt zu lassen schien; mit Blumen in der Hand.

Ich faßte den Entschluß, den alten Mann anzusprechen. Als ich mich ihm langsam näherte, erkannte ich, daß der Mann gar nicht so alt war, wie er aus der Ferne wirkte. Er schien mir vielmehr noch ziemlich jung zu sein. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Allerdings hatte der Krieg seine Spuren schon tief in das junge Gesicht gegraben.

"Entschuldigen Sie bitte die Frage", begann ich vorsichtig, "aber Ihnen scheinen die Geschehnisse nicht viel auszumachen."

Der junge Mann lächelte sanft.

"Nein." Seine Stimme hatte etwas weiches, einschmeichelndes an sich, obwohl der Staub auch sie brüchig werden ließ. "Ich warte."

Immerhin sprach der Mann. Das machte mich mutiger, und ich hakte nach: "Worauf warten Sie denn?"

Noch immer lächelte der Mann in heimlicher Freude vor sich hin.

"Auf meine Freundin."

Das weckte wieder Erinnerungen in mir, die ich so gerne verdrängt hätte. Meine Freundin lebte nicht mehr. Ich fühlte, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte. Mit einem mißglückten Lächeln versuchte ich meinen Schmerz zu überspielen. Nach einer kurzen Pause fuhr ich, weniger aus echtem Interesse, als um mich von meinen Gedanken abzulenken, fort:

"Wann kommt sie denn. Sie warten immerhin schon fast den halben Tag hier."

Als mein Gegenüber schwieg, begann mir meine Aufdringlichkeit unangenehm zu werden. Gingen mich diese Dinge denn überhaupt etwas an? Gerade wollte ich mich höflich, aber bestimmt verabschieden, da antwortete der junge Mann doch noch:

"Wir haben uns um drei verabredet."

Auch wenn meine Uhr irgendwo in den Trümmern verschütt gegangen war, sagte mir ein Blick nach dem Stand der Sonne doch, daß es schon knapp sechs Uhr sein mußte. Und mir war klar, daß die Erwartete wohl kaum noch eintreffen würde. Der junge Mann tat mir leid. Deswegen stand er also so einsam und selbstvergessen da. Heimlich hoffte er wohl noch immer, seine Freundin würde kommen.

Doch der junge Mann setzte, noch immer selig lächelnd, hinzu: "Sie muß jetzt bald kommen, es ist ja schon dreiviertel drei.

Ich runzelte die Stirn, widersprach energisch: "Aber es ist doch bestimmt schon fünf Uhr durch. Bald wird es dämmern."

Das Lächeln des jungen Mannes machte auf mich jetzt einen spöttischen, mitleidsvollen Eindruck. Umständlich kramte er eine schwere, kunstvoll verzierte, silberne Taschenuhr aus seiner Jacke hervor und deutete auf das mit glitzernden Steinen besetzte Zifferblatt.

"Sehen Sie, es ist", er kniff die Augen zusammen, "genau dreiviertel drei."

Natürlich! schoß es mir durch den Kopf. Dreiviertel drei! So spät war es gewesen, als die ersten Bomben detonierten. Die Druckwellen hatten viele Uhren zum Stillstand gebracht. Der Sonnenstand ließ jedoch keinen Zweifel, daß es schon bald sechs Uhr sein mußte. Ich wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als der junge Mann, noch immer ein verzücktes Lächeln um die Lippen, mir stolz seine lädierten Blumen entgegenreckte.

"Sehen Sie, die habe ich extra für sie gekauft. Schön sind sie, nicht?"

Die Blumen mochten einmal sehr hübsch gewesen sein, doch auch an ihnen war das Feuer nicht spurlos vorübergegangen. Trotzdem nickte ich.

"Sonja heißt sie." fuhr mein Gegenüber fort. Dann kramte er in seiner verbeulten Jacke und brachte ein zerknittertes Foto zum Vorschein. Es zeigte ein zauberhaftes Mädchen von knapp zwanzig Jahren mit dunklen Haaren und scheuem Blick.

"Das ist Sonja." Zärtlich ließ er seine Augen über das Bild schweifen, dann hauchte er einen Kuß auf das Papier. "Meine süße Sonja."

Mir wurde die Situation nun doch langsam peinlich. So weit hatte ich in den Mann eigentlich nicht dringen wollen. Eben wollte ich mich leise davonstehlen, als der junge Mann wieder anfing: "Es ist jetzt dreiviertel drei. Da wird sie bald hinunterkommen. Dann können Sie sie ja selbst sehen. Sonja ist nämlich immer pünktlich."

Als ich unschlüssig stehenblieb, setzte er hinzu: "Sie wohnt nämlich hier."

Ich ließ meine Blicke kreisen, konnte aber in der Nähe beim besten Willen kein Haus mehr entdecken, daß man noch als bewohnbar hätte bezeichnen können. Alles, worauf mein Auge fiel, waren verkohlte Trümmer, und eingefallene Ruinen.

"Wo wohnt sie bitte?" erkundigte ich mich nun doch etwas erstaunt.

"Na hier." Der junge Mann deutete auf den Trümmerhaufen hinter sich.

"Aber...aber..." stammelte ich, während ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. "Dort kann man doch nicht mehr wohnen. Das Haus ist doch kaputt."

"Natürlich kann man da wohnen, auch wenn es kein Palast sein mag." widersprach mir der junge Mann sanft. "Ich zum Beispiel finde das Haus sogar recht hübsch. Sonja wohnt dort oben im zweiten Stock." Er deutete in die Luft. "Manchmal kann man sie da aus dem Fenster schauen sehen, doch", er zog die Taschenuhr aus seiner Jacke, "es ist jetzt dreiviertel drei, und sie wird sich wohl gerade für mich fertig machen. Wir sind nämlich um drei miteinander verabredet. Und Sonja ist immer pünktlich."

Ich spürte, wie mir der kalte Wind eine Gänsehaut über den Rücken trieb und erschauderte. Es gab keinen zweiten Stock mehr, nicht einmal das Erdgeschoß stand noch.

Ich war so bestürzt, daß ich kein Wort herausbrachte. Eine ganze Weile standen wir uns stumm gegenüber. Der junge Mann lächelte noch immer. Und wieder war er es, der das Schweigen durchbrach:

"Ich liebe sie. Heute werde ich es ihr sagen. Man sagt einem Menschen nie oft genug, wie sehr man ihn mag. Und manchmal ist es dann zu spät."

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Aber es kann ja jetzt nicht mehr lange dauern, bis Sonja kommt, weil wir um drei verabredet sind. Und Sonja ist immer pünktlich."

Es dauerte lange, bis ich endlich den Mut aufbrachte, dem jungen Mann die Wahrheit zu sagen. Er mußte sie erfahren, auch wenn sie schmerzte. Sie hatte ja auch mich geschmerzt.

"Hören Sie..." begann ich ganz ruhig. "Der Bombenangriff gestern hat fast die ganze Stadt verwüstet. Auch das Haus Ihrer Freundin Sonja ist zerstört. Schauen Sie her! Alles nur noch Trümmer, verkohlte Überreste! Finden Sie sich damit ab, daß auch Ihre Freundin zu den Opfern dieses Angriffs zählen wird."

Ich hoffte inständig, dieser Schock würde den jungen Mann heilen. Doch der sah mich nur verständnislos an und sagte, noch immer lächelnd:

"Ich versteh nicht ganz, was Sie meinen. Aber meine Freundin Sonja kommt bald. Sehen Sie, da oben wohnt sie, im zweiten Stock. Wir haben uns für drei verabredet. Und jetzt ist es", abermals zog er seine Taschenuhr hervor, "dreiviertel drei. Und Sonja ist immer pünktlich..."

"Aber an den Bombenangriff gestern müssen Sie sich doch erinnern!" schrie ich den Mann, meine Fassung verlierend, an, doch er blieb unbeeindruckt, lächelnd, schulterzuckend.

"Tut mir leid, ich kann mich an nichts mehr erinnern, was gestern gewesen sein soll." meinte er nur. "Aber das ist ja auch egal, denn ich weiß, daß wir uns heute treffen wollten, um drei. Und jetzt ist es dreiviertel drei. Sonja wohnt dort oben im zweiten Stock, aber jetzt wird sie wohl gerade im Bad sein. Sie ist nämlich immer pünktlich." Wieder kramte er das abgegriffene Papierbild hervor. "Sehen Sie, das ist meine Sonja. Ist sie nicht hübsch? Und diese Blumen hier habe ich extra für sie gekauft."

Ich schlich mich leise davon.

"Wohin wollen Sie denn? Bleiben Sie doch noch eine Weile, dann können Sie meine Sonja selbst sehen. Sie glauben mir sonst vielleicht gar nicht, wie sehr ich sie liebe. Aber heute werde ich es ihr sagen. Man sagt einem Menschen nie oft genug, daß man ihn gern hat. Sonja kommt nämlich um drei. Und jetzt ist es", der Blick auf die Taschenuhr bestätigte es ihm, "dreiviertel drei. Und Sonja ist immer pünktlich..."

Ich ließ mich nicht beirren, denn plötzlich war mir siedendheiß eingefallen, daß ich mich heute um drei mit meiner Freundin treffen wollte. Und es war ja schon dreiviertel drei. Ich würde mich beeilen müssen, wenn ich noch Blumen besorgen wollte, denn meine Freundin war immer pünktlich.



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