Helden für eine Nacht

Die bunten Lichter der Stadt spiegeln sich in den Scheiben, als Andy mit seinem GT durch die Nacht braust. Joe lacht. "Schneller, Andy, schneller!" Andy starrt in die Dunkelheit. Joe grinst ihn an. "Du, heute kann uns keiner, Andy, heute kann uns keiner." Seine Augen kleben an dem Freund. "Wir zwei, Andy, wir zwei..."

Joe schiebt eine neue Kassette nach. Hämmernde Rhythmen lassen das Auto erzittern, den Kopf dröhnen. Joe kurbelt das Fenster herunter. Alle Welt soll hören, wie gut sie heute drauf sind. Er jubelt in die Nacht hinaus.

Er entdeckt zwei Mädchen am Straßenrand. "Hey, Andy, stopp mal. Die zwei Hasen wären doch genau das Richtige, heute, für uns." Andy tritt quietschend die Bremsen durch, dreht sich nach den beiden um. Er wiegt den Kopf. "Na ja, geht so. Letztes Wochenende haben wir aber andere Schnecken angegraben." Dennoch winkt er die beiden näher. "Hey, ihr zwei! Habt ihr Lust zu 'ner kleinen Spazierfahrt?" Die beiden Mädchen kichern, zögern, steigen tuschelnd in den aufgemotzten Wagen. Andy kriegt sie immer rum. Andy kriegt sie alle rum. Er muß nur so schief grinsen, wie er es jetzt tut, als Joe auf die Rückbank rutscht und den Beifahrerplatz frei macht für die Blonde mit dem blutenden Mund.

Der GT rast durch die Nacht. Andy starrt durch die Windschutzscheibe. Er grinst. Seine Hand liegt immer seltener auf dem Schaltknüppel. Joe sitzt jetzt hinten, dreht sich eine Zigarette. Als Andy loszieht, hält er die Kleine neben sich noch etwas fester.

Sie lachen, machen noch 'ne Bierdose auf. Sie hupen, gröhlen, singen zur Musik. Joe lacht am lautesten. Diese Nacht, da hält sie keiner auf. Diese Nacht ist alles drin. Und nachher wollen sie noch in 'ne Disco, und dann noch ins Kino, oder in 'ne Kneipe, oder auf die Bude hoch. Die Nacht ist ja noch so lange...

* * *

Joe sieht auf die Uhr. Nur noch drei Stunden bis zum Montagmorgen, und er findet noch immer keinen Schlaf. Joe, alle nennen ihn so, doch eigentlich heißt er Joseph. Er haßt diesen Namen, weil er nach dem Dorf klingt, aus dem er stammt, dem Dorf, das er so wenig los werden wird wie seinen Namen.

Er wälzt sich unruhig. Geil ist der Abend gewesen, wie immer, wenn ihn Andy am Wochenende abholt. Doch dann ist sein Mädchen einfach nach Hause gegangen. Nicht einmal anfassen hat sie sich lassen. Der Andy kriegt die Mädchen immer rum! Wie macht er das nur? Jetzt liegt Joe alleine im Bett, starrt den gelben Mond an. Und er friert.

Morgen, in drei Stunden, da beginnt die Woche wieder, die Knochenmühle, früh raus, sich abstrampeln, kaputt nach Hause kommen, den viel zu langen Abend mit fernsehen füllen, Videos, Alkohol, dumpf, alleine. In seiner engen Bude, die er haßt, so haßt wie das Dorf, in dem er festsitzt ohne Auto, in dem er nichts tun kann, als warten auf das Wochenende, warten auf Andy und seinen GT. Und dann wieder eine Nacht lang auf den Putz hauen, eine Nacht alles vergessen, Helden für eine Nacht.

Joe denkt an Anita. Mit ihr war das anders. Da konnte man das alles ertragen... Doch dann wollte sie plötzlich nichts mehr von ihm wissen. Wahrscheinlich steckte da ihre Mutter dahinter, die für ihre Tochter schon immer etwas Besseres wollte, ihre Mutter, die ihn einen "Versager" genannt hat. Jetzt geht Anita mit 'nem Studenten, Betriebswirtschaft oder so. Joe lacht bitter. Da kann er natürlich nicht mithalten.

Er, den morgen der Chef wieder wegen jeder Kleinigkeit runtermachen wird; er, der morgen wieder acht Stunden am Band schuften wird, dumpf, immer die selben Handgriffe; er, der dabei nur an das nächste Wochenende denken wird, wenn er zum Denken nicht schon zu müde ist...

Aber dann, dann wird er wieder einen draufmachen. Dann wird er wieder mit Andy und seinem GT durch die Stadt brausen, sie beide die Welt wieder unsicher machen, nur sie beide. Sie werden sich Musik in die Köpfe hämmern, Bier runterschütten, bis sie vergessen, einfach vergessen. Und sie werden Mädchen aufreißen, Scharen von Mädchen aufreißen, Kolonnen von Mädchen, die Schlange stehen, nur wegen ihm. Da wird kein Gedanke an Anja mehr sein, die alte Schnepfe, er wird massenhaft Hasen haben, eine geiler als die andere. Er wird die Nacht wieder leben, bis zum Morgengrauen...

Joe sieht auf die Uhr. Nur noch zweieinhalb Stunden bis zum Montagmorgen, und er findet noch immer keinen Schlaf. Er starrt den gelben Mond an.



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