Klingelputz

Ein schepperndes Rasseln durchbricht die Stille. Der alte Krämer schrickt zusammen. Die Zeitung entgleitet seinen knöchrig grauen Fingern, flattert sanft zu Boden. Entgeistert starrt er auf die Tür. "Es hat geklingelt." krächzt er, und seine Stimme klingt, als wäre sie eingerostet über all die Jahre, die er sie nicht benutzt hat. "Es hat geklingelt."

Langsam und mit großer Kraftanstrengung steht er auf. Sein Rücken schmerzt, doch er ignoriert sein Rheuma. Als sich das scheppernde Rasseln wiederholt, huscht ein Lächeln über sein faltiges Gesicht. "Es hat geklingelt." Wie lange hat er dieses Geräusch nicht mehr gehört?

Mühsam schleppt sich der alte Krämer zur Tür. Seine Knie zittern bedenklich, doch er stützt sich an der Wand ab. "Ich komme!" schreit er. Und noch lauter: "Ich komme!" Endlich ist er an der Sprechanlage. "Hallo!" ruft er durch den Hörer. "Hallo. Ist da wer?"

Wenn der alte Krämer besser hören könnte, vernähme er ein verhaltenes Kichern, ein leises, schadenfrohes Kinderlachen aus sicherer Entfernung. Doch der alte Krämer hört schon lange nicht mehr gut. Und er ruft nur: "Hallo. Ist da wer?" Er horcht und horcht. Kein Laut dringt an sein Ohr. Er preßt den Türöffner fest, beinahe verzweifelt, doch unten rührt sich nichts. "Hallo!" ruft er. "Hallo!"

Er wartet noch eine Weile, wartet und ruft, bis er schließlich wieder zurück in sein Zimmer wankt, müde und verbraucht von dem außergewöhnlichen Kraftakt. Enttäuscht läßt er sich in seinen schweren Sessel plumpsen. "Aber es hat doch geklingelt." murmelt er leise, so leise, daß er es selbst kaum hört. Er sieht auf seine zitternden Beine herab und verflucht sie, daß sie ihn nicht schneller zur Tür getragen haben.

Das große Fenster liegt in seinem Rücken, und so starrt der alte Krämer die Wand an, die kahle Wand, seinem Sessel gegenüber, die er immer anstarrt, stundenlang, bis ihr Tapetenmuster ihn in seine Träume verfolgt. "Aber es hat doch geklingelt." Inzwischen zweifelt er selbst daran. Erschöpft nickt er ein.

* * *

Unten flitzt gerade ein kleiner Junge davon. Atemlos vom Kichern und Rennen bleibt er ein paar Häuserblocks weiter stehen. Er hält sich japsend die Seite. Doch seine Augen leuchten, als er die Klingelknöpfe eines anderen Hauses silbern schimmern sieht. Und dann drückt er einen, preßt fest und lange, mit Nachdruck, einen von ganz oben, damit nicht gleich jemand heruntergerannt kommt. Schnell wetzt er weiter. Sein Lachen hallt noch lange in der Straße. Nur der alte Krämer hört es nicht.



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