Diese lauwarmen Nächte

Es sind immer diese lauwarmen Nächte. Diese lauwarmen Sommernächte, und der Vollmond scheint gelb durch das Zimmer.

Er hat sein Leben sonst gut unter Kontrolle. Er ist das, was man einen erfolgreichen Menschen nennen könnte. Beruflich hat er es weit gebracht, finanziell mehr als gut gepolstert. All seine Bedürfnisse kann er befriedigen. Und meistens hat er nicht einmal welche. Er könnte sich mehr leisten, als diese Altbauwohnung mit den knarrenden Dielen, doch ein Haus, nur für ihn allein?

Er hat auch viele Freunde, deren Nummern in seinem Handy gespeichert sind. Er trifft sich mit ihnen, trinkt einen, lacht, diskutiert über Gott und die Welt. Und hin und wieder tippt er eine Nummer einer Frau und schläft dann mit ihr. Er ist kein Jüngling mehr, aber auch noch nicht so ergraut, daß man ihn zum alten Eisen zählen müßte. Ein Mann in den besten Jahren, wie es so schön heißt.

Und er kommt gut mit seinem Leben zurecht, er hat es im Griff. Er plant seine Freizeit minutiös, das einzige Mittel, um nicht zu verlottern, wenn man alleine lebt, und nicht ins Grübeln zu verfallen. Er hat sein Leben fest in der Hand. Wenn da nicht diese lauwarmen Nächte wären, diese vollmondgelben lauwarmen Sommernächte.

Manchmal, manchmal kann man ihnen ja noch entfliehen, sobald ihr Herannahen spürbar wird, sie am Horizont aufziehen wie ein bedrohliches Unwetter; wenn man sich mit Freunden trifft, oder wenn wenigstens ein erträglicher Film im Fernsehen läuft, um sich abzulenken. Doch meistens ist das Fernsehprogramm unerträglich in diesen lauen Sommernächten.

Und so sitzt er vor der Mattscheibe und spürt, wie er unruhiger wird, immer unruhiger, wie sich ein Kribbeln einem Mückenschwarm gleich in seinem Körper ausbreitet, nervzehrend, schleichend, doch unaufhaltsam. Und dann steht er auf, schaltet den Apparat aus und läuft im Raum hin und her, immer hin und her. Wie ein Panther im Käfig.

Er öffnet die Fenster, doch an diesen lauen Nächten, da geht kein Windstoß, der ihn abkühlen könnte. Und er spürt, wie seine Hände feucht werden, und das Blut in seinen Kopf steigt. Und dann läuft er im Raum hin und her und hört sie von drüben musizieren, die Familie von nebenan: Kammermusik, Brahms. Und er sieht sie dabei vor sich, bleichgesichtig, hohlwangig, schwarze Ringe um die Augen, ohne eine Regung im Gesicht, stundenlang, Kammermusik. Immer an diesen Nächten.

Und er rennt durch den Raum. Seine Blicke irren umher, suchen einen Fixpunkt. Doch nichts ist da, was ihn ablenkt. Seine Wohnung ist aseptisch sauber. Präsentabel. Und dann tritt er ans Fenster, und er sieht hinüber ins Nebenhaus, in das Fenster des jungen Mädchens. Doch in diesen lauen Nächten sitzt sie nicht an ihrem Schreibtisch und läßt sich dabei zusehen, wie sie endlose Briefe schreibt oder in ihrem Bett dicke Wälzer schmökert, sie regelrecht verschlingt. In diesen lauwarmen Nächten ist ihr Freund da, und gerade wenn er zu ihr hinübersehen will, zieht sie die Gardinen zu. Und er starrt die orangeroten Vorhänge an.

Von der Straße hört er es lachen und hupen, immer lachen und hupen. Und er spürt, wie es ihn anzieht, da draußen, das Leben. Wie es ihm durch alle Poren dringt wie schleichendes Gift. Wie eine Droge. Ihn infiziert, ihn kirre macht. Bis er es nicht mehr aushält und aus dem Haus stürzt.

Er läuft durch die Straßen, doch auch draußen ist es nicht kühler, auch draußen steht die Luft. Und der Mond glotzt gelb herab. Aber draußen sind die Menschen, und sie lachen, und die Lichtreklamen funkeln, verkünden grell von Discos, Kinos und Kneipen. Vom Glück. Und er möchte eintauchen in das Leben der anderen, in das Lachen, doch er ist wie eine Mauer, und sie prallen von ihm ab.

Er taumelt zwischen den Menschen, die beginnen ihn zu erschrecken, mit ihren Fratzen, ihren grünen Fratzen, aus denen sie ausdruckslos vor sich hinstarren, sich über die Straßen schieben wie eine gallertartige Masse, die alles unter sich begräbt. Sie graust ihn, diese Menschenmasse, zu der er nicht gehört, die ihn nicht aufnimmt, einbettet in ihre zähe klebrigen Einförmigkeit. In diesen Nächten wird er ausgespuckt, wohin er sich auch zu wenden versucht. Keine Kneipe, die er nicht probiert, und keine in der er es aushält. Bestellt sich ein Bier und stürzt wieder heraus. Er stolpert wie blind durch die Straßen in diesen lauwarmen Sommernächten. Und das Blut rauscht in seinen Schläfen wie ein Strudel, der ihn immer tiefer hinuntersaugt.

Und wie um sich gegen das Hinabtreiben zu wehren, muß er hinauf, führen ihn seine Wege auf die große Brücke, jedesmal wieder in diesen lauwarmen Sommernächten, die Brücke, auf die sich nur selten Spaziergänger verirren, auf der er alleine ist mit dem Mond und sich selbst. Von dort sieht er hinab auf die Stadt, auf die Menschen, auf die Lichter und den Lärm. Hier oben ist es still. So still, daß er sich selbst weinen hört.

Er kann lange dauern, der Kampf mit sich selbst an diesen lauwarmen Sommernächten, wenn die Augen immer wieder die Schwärze unter sich absuchen, die Schwärze, die ihn auffangen würde, sanft wie ein Kissen. Oft die halbe Nacht steht er auf der Brücke, und sein Blut rauscht, und sein Atem flattert. Gewonnen wird der Kampf nie. Irgendwann ist er einfach erschöpft, steigt langsam wieder die Brücke herab. Und dann wankt er durch die Straßen, schleicht durch die lachende und kreischende Menge nach Hause. Und er fühlt sich dabei fremd, so furchtbar fremd.

In seiner Wohnung ist es noch immer lauwarm und der gelbe Mond glotzt durch das Fenster, und die Kammermusik von nebenan jagt ihm einen Schauer über den Rücken. Doch er ist jetzt müde, wenigstens das, und schläft gleich ein.

Und am nächsten Morgen ist alles längst vergessen, am nächsten Morgen lacht er wieder. Er feiert sich mit Freunden durch die Nacht und dabei redet und redet und redet er über jede aufkeimende Stille hinweg. Und er plant seine Freizeit minutiös, damit er nicht ins Grübeln kommt, bloß nicht ins Grübeln kommt.

Und die nächsten Nächte ist es wieder kühl und klar. Und er steht dann am Fenster und atmet tief durch und ist beinahe glücklich.



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