Herr Morell

Herr Morell tritt aus dem mächtigen Bankgebäude. Er blinzelt in die tiefstehende Abendsonne und tippt sich gegen die Brille. Nicht weil sie rutschen würde, sondern aus schlichter Gewohnheit, wie dies alle Brillenträger tun. Als ein Luftzug sein schütteres Haar durcheinanderwirbelt, setzt er seinen Hut auf. Nichts haßt er mehr als unordentliches Haar. Und er braucht morgens immer lange, bis sein Scheitel genau an der richtigen Stelle sitzt. Er schlägt den Mantelkragen hoch, verharrt noch einmal auf der letzten Stufe der großen steinernen Treppe, die ihn aus dem Gewühl der Straße emporhebt, atmet tief durch, ehe er auf den Bürgersteig tritt.

Menschen hasten an ihm vorbei: Männer auf dem eiligen Heimweg nach Feierabend, Frauen noch schnell vor Geschäftsschluß dringende Besorgungen erledigend und Kinder, sich lachend durch die Erwachsenen hindurchschlängelnd.

Herr Morell wird angerempelt und er läßt die Aktentasche fallen. Sein Kreuz schmerzt, als er sich bückt, sie wieder aufzuheben. Er klemmt sie sich fest unter den Arm.

Dann sticht er in die Menschenmasse hinein. Herr Morell hat es eilig, er hat es immer eilig. Obwohl nichts auf ihn wartet. Er läßt sich nicht von der Masse treiben in ihrem gemächlich schlendernden Schritt, er stiehlt sich an den anderen vorbei, überholt und umkurvt sie, stößt links an, wird rechts angerempelt, murmelt: "Entschuldigung!" immer ein besänftigendes Lächeln auf den Lippen.

So drängelt sich Herr Morell durch die Menge. Und er nimmt keine Einzelpersonen wahr, fröhlich pfeifend, schwätzend, oder melancholisch in den Himmel starrend. Er sieht ihre Gesichter nicht. Es ist eine Masse. Eine große amorphe Masse, durch die er sich kämpfen muß. Tag für Tag nach Feierabend.

Manchmal ist ein kurzes Stück des Bürgersteigs frei von dieser Masse. Dann geht er schneller, atmet befreit auf, doch dann wird er schon wieder verschluckt, rempelt rechts, wird links angestoßen, murmelt: "Entschuldigung." Und setzt ein besänftigendes Lächeln auf, mit der einen Hand den Hut fest auf den Kopf gepreßt, mit der anderen die Aktentasche unter die Achsel geklemmt, den Mantel um die Beine wehend, in regelmäßigem Takt "Entschuldigung" murmelnd, exakt wie ein Metronom.

Die Sonne sticht herab und es ist ungewöhnlich warm für einen Oktobertag. Herr Morell schwitzt in seinem dicken Wintermantel. Er bleibt kurz stehen, tupft sich den Schweiß von der Stirn, weiterhin nach links und rechts "Entschuldigung" murmelnd, und putzt sich einen Moment halb blind die Brille.

Hinter sich hört er es lachen. Kinder, denkt er, lachende Kinder. Doch er sieht sich nicht um, weil er Angst hat, daß eines der Kinder auf ihn zeigt, über ihn lacht. Er fühlt sich unbehaglich, geht schnell weiter, bis er das Lachen endlich abgeschüttelt hat. Sicher haben sie nur miteinander getuschelt und gekichert, doch ein Rest Unsicherheit bleibt.

Allmählich verläßt er die Innenstadt und die Straßen werden leerer. Doch Herr Morell drängelt auch hier. "Entschuldigung." bis er zu Hause ist. Mit geübter Handbewegung schließt er das Schloß zweimal herum, dann ist die Tür offen. Und er atmet tief ein, obwohl die Luft stickig ist, die Wohnung vom Morgen, noch nicht gelüftet.

Er hängt Hut und Mantel an den Haken und hat es plötzlich nicht mehr eilig. Er setzt sich auf einen Stuhl, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und wartet. Halb sechs, dreiviertel sechs, fünf vor sechs, sechs. Er geht in die Küche, verbringt zehn Minuten damit sich zu entscheiden, mit welcher Wurst er seine Scheibe Brot belegen soll.

Dann setzt er sich wieder auf den Stuhl und sieh aus dem Fenster, wie es langsam dämmert. Er sieht auf die Uhr. Er wird früh schlafen gehen, obwohl er nicht müde ist. Aber es sind trotzdem noch vier Stunden bis dahin.

Er steht auf und geht im Raum umher. Für einen kurzen Moment spielt er mit dem Gedanken auszugehen heute abend, und es packt ihn beinahe etwas wie ein Feuer. Doch er erschrickt darüber und entscheidet sich vorsichtshalber dagegen. Er wird den Abend auch so herumbringen. Er sieht auf die Uhr: es sind auch nur noch dreieinhalb Stunden. Und eine weitere halbe Stunde verbringt er damit seine durch den langen Tag in erschreckendem Chaos befindlichen Haare zu ordnen und seinen Scheitel neu zu ziehen.

Es sind noch einige Schrankfächer aufzuräumen. Dann läuft er wieder im Zimmer umher mit seinem gewohnt eiligen Schritt und drängelt sich durch die Möbel. Als er gegen den Stuhl stößt, zuckt er zusammen, murmelt: "Entschuldigung!" und lächelt dabei besänftigend. Er merkt es nicht einmal, daß da niemand ist.



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