Sie schreit schon wieder

Meine Frau schüttelte mich. Ich schrak auf. Sie saß kerzengerade im Bett und hatte die Nachtischlampe angeknipst. "Sie schreit schon wieder." sagte sie lapidar und deutete mit einem grimmigen Kopfnicken nach oben. Und in dem Moment hörte ich es auch schon. Gequält verzog ich das Gesicht.

Das Mädchen über uns, müssen Sie wissen, den Namen, den Namen habe ich inzwischen vergessen. Es ist ja auch schon eine ganze Weile her. Ein beliebiger Name war es, einer den man gleich wieder vergißt. Dieses Mädchen jedenfalls, ein junges Ding, Mitte zwanzig, hübsch, da kann man nichts sagen. Aber dieses Mädchen schrie in der Nacht. Nicht wie ein gewöhnlicher Mensch, der aus einem Alptraum aufschreckt, oh nein! Die Schreie dieses Mädchens gingen einem bis ins Mark. So laut und durchdringend und so voller Angst.

Ich meine, zu Beginn, da ging es noch, ja, da war es hin und wieder, daß sie mal schrie, gut, das nahm man hin, da ging man darüber hinweg. Doch inzwischen: beinahe jede Nacht dieses Schauspiel oder besser Hörspiel. Beinahe jede Nacht diese Schreie. Und nicht kurz, nicht für ein paar Sekunden. Minuten- manchmal stundenlang ging das so! Die ganze Nacht hindurch!

Sie war verrückt, dieses Mädchen, alle wußten es im Haus. Und sowas wohnte nun über uns, eine Verrückte. Nicht nur, daß sie schrie nachts, auch sonst. Sie redete mit niemanden, ging uns aus dem Weg, und wenn man sie mal traf im Treppenhaus, dann sah sie zu Boden. Als ob sie was zu verbergen hätte! Dabei hatte sie hübsche Augen, da kann man wirklich nichts sagen: große, dunklen Augen, aber sie sah ja immer zu Boden.

Und sie vergrub sich in ihrer Wohnung, tagelang oft, daß man sie nicht zu Gesicht bekam und nichts von ihr hörte. Sie verließ das Haus nicht. Und niemand kam zu ihr. Sie war immer allein. Sie müssen sich das vorstellen: ein Mädchen Mitte zwanzig und keine Herrenbesuche!

Ich meine, wir hatten das ja immer unter Kontrolle. Wir und unsere Nachbarin, eine sehr anständige Frau übrigens, das muß man sagen! Normal und anständig, und nicht solche Flausen im Kopf. Wer zu dem Mädchen wollte, mußte ja an unseren Türen vorbei. Doch wir warteten stets vergeblich. Nie ging jemand hoch zu ihr. Ich weiß gar nicht, warum sie keine Angehörigen hatte, die sich um sie kümmerten. Und nie eine Arbeit, nie irgendeine Arbeit! Wir standen auf dem Treppenhaus, wir und unsere Nachbarin, ob man da nicht mal die Polizei holen müßte. Was wußten wir denn, was sie da oben so alles trieb? Und tagelang ging sie nicht aus dem Haus! Wovon lebte sie denn überhaupt? Wie es in ihrer Wohnung aussah, das wollten wir lieber gar nicht wissen, obwohl ich da schon mal gerne hineingeschaut hätte. Aber sie hat ja die Tür immer verriegelt. Einfach immer verriegelt. Und alles was man von ihn mitbekam, das war dann nachts ihr Schreien.

Sie schrie auch diese Nacht wieder. Meine Frau sah mich an. Und ich wußte: so konnte das nicht weitergehen. Entschlossen stand ich auf und zog mir einen Bademantel über. "Jetzt sag ich ihr mal die Meinung!" Und meine Frau nickte zustimmend. "Sehr richtig! Sehr richtig!"

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis mir oben geöffnet wurde. Doch dann stand sie plötzlich in der Tür, sah mich an, oder besser: sah zu Boden, wie immer mit ihren dunklen Augen. Als ich sie so sah, mit ihren schwarzen zerzausten Haaren, ihrem nur provisorisch übergestreiften Morgenrock, noch innerlich bebend, da mußte ich lachen. Sie sah aus, als hätte sie eben einen Ringkampf mit ihrem Bett veranstaltet. Und sie blickte wie ein scheues Tier.

Sie mußte sich am Türrahmen abstützen, so schwach war sie. Ihre Knie zitterten. Für einen Moment fand ich sie gar nicht so häßlich. Mit ihren großen Augen. Doch dann fiel mir wieder ein, daß sie ja verrückt war und ich baute mich vor ihr auf. "Hören Sie", sagte ich, so laut ich konnte. Das ganze Haus sollte es ruhig hören, daß ich mich traute ihr entgegenzutreten. "Hören Sie, so geht das nicht weiter. Sie können uns nicht jede Nacht belästigen." Sie sah kurz auf und ihre Augen flackerten hektisch, dann sah sie schnell wieder zur Seite und sie murmelte etwas, ganz leise. Ich packte sie an der Schulter und sie zuckte zusammen. "Wenn Sie unsere Nachtruhe noch einmal stören, sehen wir uns gezwungen, zu anderen Mitteln zu greifen." Und ich konnte es mir nicht verkneifen, hinzuzufügen: "Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß es einige Leute gibt, die sehr interessiert daran sind, was Sie den ganzen Tag so treiben. Wenn Sie verstehen, was ich meine!"

Die Drohung schien ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Sie nickte schnell und stolperte wieder in ihr Zimmer. Ich stand noch eine Weile vor der geschlossenen Türe, und kostete den Triumph aus. Ich hatte ihr gezeigt, wer hier der Herr im Hause war, dieser Verrückten! Da ging das Licht im Treppenhaus aus und ich schlich hinunter.

Sie schrie nicht mehr diese Nacht. Und auch die folgenden nicht. Wir hörten überhaupt nichts mehr von ihr, eine ganze Woche, bis sich endlich jemand von der Hausverwaltung bereit fand, oben aufzuschließen. Ich kann Ihnen sagen, da sah es vielleicht aus! Was für eine Unordnung, und gestunken, als hätte sie seit Tagen nicht mehr gelüftet. Und da haben wir sie gefunden auf ihrer Matratze, wie sie sich krampfhaft in ihre Bettdecke krallte. Sie war tot. Es mußte noch an diesem Abend passiert sein, sagte der Arzt, an dem Abend als ich oben bei ihr war. Das Mädchen hätte Ängste gehabt, sagte er, Phobien oder so, zwanghafte Ängste vor anderen Menschen. Und sie hätte an dem Tag zu viel von ihren Beruhigungstabletten geschluckt, eine Überdosis, ob vorsätzlich, das könne er nicht sagen.

Ich verstand ihn nicht. Ängste, was waren das für Ängste? Ich hab doch auch keine Ängste! Wenn man arbeitet, kommt man erst gar nicht auf solche Gedanken! Ich meine sie hätte mal etwas unternehmen sollen. Wenn man den ganzen Tag in der Wohnung hockt, das ist doch klar, daß man davon verrückt wird. Und Vitamin C. ich sage immer, das hilft gegen alles. Ängste vor Menschen! Wo hört man denn sowas. Dann hätte man sie halt einsperren müssen, in ein Heim oder so.

Der Arzt fragte, ob wir uns ein wenig um sie gekümmert hätten, und ich sagte ja, noch an dem Abend sei ich bei ihr oben gewesen. Was ja auch stimmte. Und außerdem, wir haben uns fast nie beschwert, wenn sie die Kehrwoche mal nicht gemacht hat. Über einiges haben wir hinweggesehen! Ich denke, das ist mehr, als was man verlangen kann. Weit mehr! Der Arzt hat genickt. Wortlos. Und dann ist er gegangen.

Wir sind alle ziemlich ratlos zurückgeblieben. Und meine Frau hat sogar geweint. Da habe ich ihr dann doch die Meinung gesagt, ich meine schließlich war das Mädchen verrückt. Da war es dann ja wohl für alle das beste so. Das hat sie dann auch eingesehen. Und inzwischen sind wir doch alle ganz froh. Wir werden jetzt wenigstens in der Nacht nicht mehr gestört. Obwohl, der alte Mann, der da oben jetzt eingezogen ist... also, was uns unsere Nachbarin über den so alles erzählt hat, sage ich Ihnen... So ganz normal ist bei dem auch nicht alles. Wir werden mal ein bißchen aufpassen in nächster Zeit. Man muß da einfach ein bißchen aufpassen, schon damit alles seine Ordnung hat. Wo kämen wir denn sonst hin? Hören Sie? Wo kämen wir denn da sonst hin?



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