Später Sonntagnachmittag

Die Sonne scheint durch das Balkonfenster, taucht dich in helles Licht. Ich sehe dich an. Es ist ein später Sonntagnachmittag im Herbst. Die Sonne leuchtet noch, doch sie wärmt nicht mehr. Ich bemerke, daß du fröstelst, doch es ist noch zu früh, um einzuheizen. Du siehst auf, von deinem Buch und du lächelst mich an. Es ist später Sonntagnachmittag im Herbst, und wir sitzen beim Kaffee.

Du liest mir aus deinem Buch vor. Ich höre nicht hin, doch ich nicke. Ich sehe dich an, bemerke zum ersten mal die Fältchen um deine Augen, wenn du lachst. Wie lange hast du sie schon? Du legst dein Buch zur Seite, markierst es mit einem Lesezeichen, nippst an deiner Kaffeetasse. Du lächelst. Deine Zähne sind blitzweiß, wie immer, seit du diese bleichende Zahncreme benutzt.

Ich sage leise: "Du bekommst Fältchen um die Augen..." Doch du hast nicht hingehört, fragst: "Was hast du gesagt?" "Ach nichts." Ich senke schnell den Blick.

Meine Augen bleiben an der großen Standuhr hängen. Sie tickt schwer und unabänderlich. Du fragst: "Möchtest du ein Stück Kuchen?"

"Nein danke." Und ich greife statt dessen nach meiner Kaffeetasse. "Das Wetter ist schön, heute, nicht?" Und du nickst, ohne aus dem Fenster zu sehen, schlägst dein Buch wieder auf. Eine Weile beobachte ich dich beim Lesen, wie du zuckst, wenn du lächelst. Und ich frage mich, was du gerade denkst, bereue einen Moment, nicht hinter deine Stirn sehen zu können, kurz nur, dann greife ich auch nach meinem Buch.

Und so sitzen wir, nebeneinander her, manchmal liest der eine dem anderen etwas vor. Dann hört der andere weg, weil er sich konzentrieren muß, um in seinem Buch nicht den Faden zu verlieren. Aber wir nicken. Und sagen immer: "Ja, da hast du recht." Wir verstehen uns nämlich gut. Schon seit zwanzig Jahren verstehen wir uns gut, besonders am späten Sonntagnachmittag, beim Kaffee.

Ich starre wieder auf die Uhr. Sie tickt so schwer und langsam, so unglaublich langsam. Ich lege mein Buch zur Seite, greife nach der Kaffeetasse. Du siehst auf. "Möchtest du nicht ein Stück Kuchen? Er ist gut, heute, der Kuchen."

Ich frage mich, was du eigentlich liest. Du erklärst es mir geduldig, bestimmt schon zum hundertsten Mal, und ich höre wieder nicht hin, weil die Standuhr gerade dumpf schlägt.

Du greifst nach deiner Kaffeetasse. Manchmal diskutieren wir auch, an den späten Sonntagnachmittagen, über Moderne Kunst, die Zukunft des Theaters, über neue Literatur und Politik. Und wir haben immer dieselbe Meinung. Denn wir verstehen uns gut. Schon seit zwanzig Jahren verstehen wir uns gut. Wenn wir diskutieren, streiten wir nie. Wir haben immer recht. Oder ist es nur, weil keiner dem anderen zuhört, und nur seine eigene Bestätigung sucht?

Ich habe plötzlich Angst, daß ich dich eigentlich gar nicht kenne, deine Meinung, deine Gefühle. Und ich frage: "Was denkst du?" Du siehst einen Moment verwirrt auf, doch dann sagst du bloß: "Ich habe gerade gedacht, ob ich dir nicht noch ein Stück Kuchen abschneiden soll."

Ich sehe auf die große Standuhr. Sie tickt schwer. Und es ist schon spät geworden. Es ist bald nicht mehr später Sonntagnachmittag, sondern früher Sonntagabend. Und die Sonnenstrahlen werden blasser. Du greifst wieder nach deinem Buch. Ich spüre dich neben mir sitzen wie eine Unbekannte im Zug.

Und ich merke wie fremd du mir geworden bist, mit deinem weißen Lächeln und den Fältchen um die Augen. Du gleichst nicht dem Bild, das ich noch von dir habe. Ich starre dich an, spüre Furcht in mir aufsteigen, beklommene Furcht. Ich muß aufstehen, im Raum umhergehen mit schnellen, hektischen Schritten. Wer bist du? Ich atme schwer. Wer bist du nur? Ich zittere, muß mich abstützen. In meinem Kopf rast es, ich spüre das Verlangen zu schreien, laut aufzuschreien...

Da sagst du: "Laß doch bitte die Jalousie herunter, ja? Damit die Nachbarn nicht alles sehen, wenn wir Licht anmachen." Und die Panik ist verschwunden. Ich sehe dich an, mein Herz hämmert zwar noch, mein Atem geht stoßweise, doch es ist wieder alles wie sonst. Du lächelst. Ich lächele zurück. Und verriegele die Fenster.

Für einen Moment ist es dunkel, und es ist schön. Ich greife nach dir, und kann dich beinahe spüren, deine warme Hand. Ich will etwas sagen, ohne daß ich weiß, was, doch es wäre wichtig, sehr wichtig gewesen, aber da knipst du die Stehlampe an. Und liest mir wieder etwas aus deinem Buch vor. Und ich höre nicht hin, und nicke. Und sage: "Ja, da hast du recht." Und ich frage: "Möchtest du nicht ein Stück Kuchen?" Und du legst dein Buch wieder zur Seite, schiebst das Lesezeichen ein und greifst nach deiner Kaffeetasse. Und sagst: "Das Wetter ist schön heute, nicht?" Und ich nicke, obwohl die Jalousie schon heruntergelassen ist. Und greife auch nach meiner Kaffeetasse.

Der Kaffee ist schon kalt, aber wir trinken ihn aus, weil er ja weg muß. Du lächelst mich an. Ich sehe auf deine strahlend weißen Zähne und deine Fältchen um die Augen. Und ich entdecke ein graues Haar an deiner Schläfe. Aber ich lache.

Du fragst: "Möchtest du noch ein Stückchen Kuchen?", weil du abräumen möchtest. Denn der späte Sonntagnachmittag ist vorbei. Die Standuhr schlägt dumpf. Da greife ich zu, stecke mein Lesezeichen in mein Buch. Als du aufstehst, will ich dich festhalten. Doch du fühlst dich so kalt an, und lachst nur, und dein Lachen ist so anders. Irgendwann einmal habe ich es gekannt. Und ich sehe die Fältchen um deine Augen. Und dein graues Haar. Da lasse ich dich los.

Ich sage noch: "Bleib doch." Aber du nickst nur und sagst: "Der Kuchen war gut." Und dann gehst du in die Küche. Ich bleibe zurück, sehe dir nach, höre dir zu. Und ich frage mich, warum wir uns nicht verstehen.

Ich starre auf die schwere Standuhr, die so langsam tickt, den langen, langen Sonntagnachmittag lang. Noch eine halbe Stunde bis zum Abendessen. Und ich klappe mein Buch auf. Und nehme mein Lesezeichen heraus. Und ich lese dir etwas vor, und merke gar nicht, daß du nicht da bist. Erschrocken rufe ich nach dir, doch da hör ich dich aus der Küche: "Möchtest du doch noch ein Stück Kuchen?" Und ich starre auf die Standuhr, die so fürchterlich langsam tickt und friere plötzlich.

Ich glaube, es ist doch schon an der Zeit, einzuheizen.



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