Was wissen die denn schon

Ich stöhne auf, als die Schwester an mir herumzupft, und versucht mir ein Laken unter den Körper zu schieben. Immer machen sie an einem rum. Immerzu. Als wäre man ein Ding und kein Mensch. Und man kann nicht einmal etwas sagen. Dann sehen sie einen vorwurfsvoll an, als müsse man ihnen dankbar sein, daß sie überhaupt noch die Zeit finden zu den täglichen Routinehandgriffen in der Fließbandarbeit der Spätschicht. Jede Minute, die ich sie koste, verlängert sich ihr Dienst. Ich bin froh, als sie endlich wieder geht.

Der alte Mann neben mir atmet rasselnd. Ich sehe aus dem Fenster. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. So oft hat er ihn mir schon gesagt. Und ich vergesse ihn immer wieder. Es ist mir peinlich. Ich kann ihn ja nicht einmal ansprechen. Als Werner noch da war, Werner, da war alles anders. Werner hat sich immer lustig gemacht über die gelackten Ärzte, die geschminkten Schwestern und die langhaarigen Zivis. Werner hat mir sehr geholfen am Anfang. Er war ein alter Hase, der sich in allem auskannte. Und jetzt, jetzt bin ich auch bald schon so lange drin wie Werner.

Die Schwestern, was wissen die denn schon, die begreifen das nie. Wie sollen sie auch. Sie sagen, ich solle mich am Riemen reißen, es werde alles schon werden. Doch sie gehen nach Hause, wenn sie ihren Dienst heruntergerissen haben, sie gehen einfach nach Hause, lassen das alles hier weit hinter sich. Und ich bleibe hier, seit Monaten. Jeden Tag.

Und dieser Zivi, der steht immer da und lächelt, lächelt unaufhörlich. Ich hab ihn Buddha genannt deswegen. Auch dazu hat er nur gelächelt. Und immer macht er die falschen Bemerkungen, immer die falschen Scherze. Zu meiner Narbe sagt er, sowas komme immer toll an, bei den Frauen. Und dann lacht er breit, Und geht anschließend nach Hause zu seiner Freundin.

Und Heike, verdammt! Sie war schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier. Ich kann es ihr nicht einmal verübeln, daß sie nicht mit einem Krüppel zusammen sein will. Nicht einmal das. Es wäre einfacher, wenn ich ihr böse sein könnte, so wie Buddha, wenn ihn seine Freundin verließe. Der würde dann nicht mehr lächeln. Er wäre wütend auf sie und hätte recht. Aber ich, wir haben uns im besten Einvernehmen getrennt. Gute Freunde wollten wir bleiben. Gute Freunde, nichts als hohle Phrasen. Sie hat mich nicht mehr besucht, seitdem.

Ich hab ihr Bild noch immer im Kopf, als sie das letzte mal da war, im vorigen November, nicht mal ihren Mantel abgelegt, nervös an meinem Bett hin und her gelaufen, und ständig gehetzt auf die Uhr geblickt. Es war so offensichtlich, daß da jemand auf sie wartete. Doch als ich sie darauf ansprach, wich sie mir aus und senkte schuldbewußt den Blick. Und dann kam sie doch damit heraus, daß sie einen neuen Freund hat, einen Tanzpartner wie sie es nannte, und sie tanze doch so gerne, das müsse ich verstehen. Und sie versuchte so arglos wie irgend möglich zu lächeln. Es war keine Überraschung für mich. Sie hatte sich schon in den letzten Wochen innerlich von mir gelöst, es nur noch nicht bemerkt. Jetzt war die Wahrheit wenigstens draußen. Ich verstehe es auch, daß sie seitdem nicht wieder gekommen ist. Mir ist es so auch lieber. Wenn man nur nicht in der Krankenhausmonotonie für jede Abwechslung dankbar wäre. Und wenn ich mir vorstelle, daß sie jetzt ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie mit ihrem neuen Freund Rumba tanzt und dabei an mich denken muß, denn das war unser Tanz, dann tut sie mir fast ein wenig leid.

Werner hat immer gesagt, die Ratten verlassen das sinkende Schiff, schon als ich am Anfang so viel Post bekam, und all meine inzwischen ehemaligen Freunde mich besuchten. Er lächelte nur, und sagte: das legt sich. Als Kranker bist du für die anderen nur ein paar Wochen interessant. Dann sind sie den Gag der Krankenbesuche überdrüssig, und du fängst an, ihnen lästig zu werden. Zu ihm ist auch nie jemand gekommen. Und er hat Recht behalten. Jetzt kommen noch hin und wieder meine Eltern. Und das ist es dann.

Ich schaue aus dem Fenster, doch drüben ist nur die kahle Gebäudefront der Chirurgie. Und selten erscheint jemand hinter den Fenstern. Manchmal denke ich, es ist schade, daß man kein saftiges Gras, keine herbstlich bunten Bäume sehen kann. Doch vielleicht ist es besser so. Der Anblick schöner Sommertage oder leuchtenden Schnees wäre hier drinnen wohl nur schwer zu ertragen.

Buddha kommt wieder. Er gibt mir die Tabletten. Er darf das eigentlich nicht, aber der Personalnotstand... Ich schlucke sie schnell. Sie sind alle bunt und lustig, wie für Kinder gemacht, viele, viele bunte Smarties. Und sie schmecken auch beinahe so, überhaupt nicht bitter und kein bißchen gefährlich.

Der Zivi geht wieder, ohne einen dummen Witz oder sein immerwährendes Grinsen an mich verschleudert zu haben. Er ist nicht gut auf mich zu sprechen, seit vorgestern, als er dieses große Schachturnier organisieren wollte, die Patienten von der Inneren gegen die von der Chirurgie. Er war Feuer und Flamme, ist ganz aufgeregt in meinem Zimmer hin und hergerannt und hat mit leuchtenden Augen verkündet, ich müsse natürlich am ersten Brett spielen, und er würde mich dann rausschieben in den Aufenthaltsraum. Ich habe an dem Tag mal wieder einen Tiefpunkt gehabt, und nur gemurmelt: Schieb's dir sonstwohin.

Es war ungerecht von mir, ich weiß es. Er hat sich mit mir immer besondere Mühe gegeben, und er hat es wenigstens immer gut gemeint. Von den Plänen des Schachturniers hat er nichts mehr verlauten lassen, seit ich ihn so angeraunzt habe. Ich glaube, er hat es nur organisieren wollen, um mich aus meiner Trägheit zu reißen. Er weiß, daß ich mit Werner immer gerne Schach gespielt habe. Früher war ich wirklich gut darin. Früher - das kommt mir jetzt vor wie ein anderes Leben.

Vielleicht sollte ich mich bei Buddha entschuldigen, doch von denen hat sich auch noch keiner bei mir entschuldigt. Wenn die Hilfsschwester mal wieder keine Vene trifft und dazu nur blöd lächelt. Oder wenn dieser verdammte Professor noch immer keine Therapie gefunden hat, die anschlägt. Oder überhaupt jeder von denen, der nach acht Stunden wieder nach Hause darf! Jetzt lächelt Buddha wenigstens nicht mehr andauernd. Wenn nur Werner noch da wäre, gegen uns zwei hätten die alle keine Chance gehabt. Aber der alte Mann da neben mir. Ich weiß ja nicht mal seinen Namen.

Mehr als alles andere trifft es mich, daß auch Werner nicht mehr kommt. Aber als er ging, haben wir uns zerstritten. Es war so überraschend. Plötzlich durfte er einfach gehen. Ohne Vorankündigung haben sie ihn entlassen. Er lachte sarkastisch: Jetzt wissen sie sich auch keinen Rat mehr bei mir. Ich bin eben ein hoffnungsloser Fall. Doch innerlich hat er gejubelt, hat die halbe Welt angerufen, Leute, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Er durfte wieder raus ins Leben.

Und ich? Ich war völlig konsterniert. Nie hatte ich damit gerechnet, länger als Werner hierbleiben zu müssen. Ich konnte ihn mir gar nicht anders vorstellen als ein wenig schmächtig und bleichhäutig in seinem Bett liegend, stets eine bissige Bemerkung auf der Zunge. Und auch er war immer der Meinung, daß man mich ja bald wieder entlassen würde. Und er fragte sich schon, wer nach mir käme, und wer nach diesem. Er hatte sich abgefunden, doch ich wollte raus! Ich gehörte nicht hierhin. Und als der Arzt ihm ankündigte, ihn gehen zu lassen, dachten wir beide, er verwechselte uns. Doch es war Werner, der wieder geheilt war, den man wieder auf die Menschheit loslassen konnte, nicht ich.

Werner konnte es nicht verstehen, daß ich mich nicht mit ihn freute. Doch ich war nur vollkommen erschüttert und bestürzt. Er wurde wütend und schrie mich an. Und ich schrie zurück. Und wir wurden beleidigend. Die ganze Zeit über haben wir uns so gut verstanden. Und dann haben wir uns am letzten Tag zerstritten. Und seitdem schaut er nicht mehr vorbei. Auch er nicht. Aber er hat schon am Anfang gesagt, sie kommen nie wieder, die Gesunden, die Geheilten. Keiner von denen ist jemals wiedergekommen, wenn er nur einmal den Fuß vor das Gebäude gesetzt hat. Ich mußte ihm versprechen, daß ich wiederkommen würde, damals, am Anfang. Er hat es mir nie versprochen.

Seit Werner weg ist, geht mir alles noch viel mehr auf die Nerven. Buddha hat zu mir gesagt, entweder läge ich depressiv in meinem Bett, oder ich schrie jeden an, der mir über den Weg lief. Daraufhin habe ich ihn angeschrien. Wahrscheinlich hat er recht.

Die Schwestern behandeln mich alle so rücksichtsvoll, so vorsichtig, so unmündig wie ein kleines Kind. Und selbst wenn mir der Kragen platzt und ich sie anschnauze, dann lächeln sie nur, so mit dieser Miene: laß doch den Irren sich austoben. Verdammt, ich bin vielleicht ein Krüppel, aber im Kopf da funktioniert's noch! Aber was verstehen die denn schon.

Ich denke noch oft an Werner, an Heike weniger. Aber jetzt liegt halt nur noch der alte Mann neben mir. Er atmet schwer und hustet. Und ich vergesse seinen Namen immer. Da hat man so wenig, an das man noch denken muß, und selbst dann spielt das Gedächtnis nicht mit.

Drüben in der Chirurgie winkt einer aus dem Fenster mit seinem Gipsarm, nicht zu mir herüber, nach unten, wo jemand auf ihn wartet.



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